Es muß Mitte der fünfziger Jahre gewesen sein, auf einer Redaktionskonferenz der Welt. Conrad Ahlers, außenpolitischer Redakteur und ehemaliger Fallschirmjäger, war wieder einmal über ungesichertem Gelände abgesprungen, hatte Thesen verkündet, die anderen reichlich verwegen schienen. Vielleicht hatte er auch nur, unbeeindruckt von Konventionen, die Dinge beim Namen genannt. Jedenfalls seufzte einer seiner Kollegen, halb noch verstört, halb schon wieder versöhnt, mit etwas resigniertem Kopfschütteln: "Aber Conny!"

Die Szene hat sich, in wechselnder Besetzung, wohl noch manches Mal wiederholt – in den feinen Zirkeln der Großen wiederholt der Ahlers als stellvertretender Regierungssprecher diente, während der ersten Kanzlerjahre Brandts, als er das Bundespresseamt leitete, und unter den Genossen der SPD-Fraktion, der er fast zwei Legislaturperioden angehörte. Er hat mancher Katze die Schelle umgehängt, die dann den Buckel krumm machte. Den Bundeskanzler Kiesinger zum Beispiel nannte er, was nicht einmal unfreundlich gemeint war, einen "wandelnden Vermittlungsausschuß". Herbert Wehner beförderte er vorschnell unter die großen Männer der Vergangenheit. Die Ideologen der SPD ärgerte er mit souveräner Verständnislosigkeit, und nicht selten plünderte er – auch als Abgeordneter oft besser im Bild als veritable Kabinettsmitglieder – die Nähkästchen der Koalition und der SPD für seine Kolumnen.

Ahlers hat das Risiko nicht gescheut, und er hat dafür auch bezahlen müssen. Sein Artikel "Bedingt abwehrbereit" löste die Spiegel- Affäre aus und brachte ihm zwei Monate Untersuchungshaft ein. Aus der Fraktion in ein neues Regierungsamt überzuwechseln, blieb ihm verwehrt, nicht aus mangelnder Eignung, sondern wegen seiner fröhlichen Unbotmäßigkeit. Er hat darüber nie gejammert. Wehleidigkeit war ihm zuwider.

Conrad Ahlers hat in seinem Wahlkreis geackert, wie es dem lange vom Glück Verwöhnten fast niemand zugetraut hätte. Und als er schließlich zum Intendanten der Deutschen Welle berufen wurde, gab es, was bei solchen Anlässen keineswegs die Regel ist, fast keinen, der ihm das nicht gegönnt hätte. Er hatte Freunde, und bei deren Auswahl hielt er sich nicht an die Parteigrenzen. Wer ihn länger kannte, wußte, daß sich hinter dem zuweilen schnoddrigen Habitus ganz altmodische Treue verbarg – übrigens auch gegenüber der SPD und dem Staat Bundesrepublik.

Für engagierte Journalisten war Ahlers wohl der interessanteste Regierungssprecher. Er wagte sich in Analyse und Information weit vor – einer, den eigentlich weniger der Verkauf als vielmehr die Politik selbst faszinierte. Und indem er die Journalisten an der Entstehungsgeschichte der Politik beteiligte, fing er sie ein, sogar politische Gegner: ein politischer Kopf, der anderen die Gelegenheit bot, mitzudenken. Das war eine gefährliche Methode für einen Regierungssprecher, aber Ahlers hatte mit ihr Erfolg. Sein Vertrauen zu mißbrauchen, brachte so schnell keiner seiner ehemaligen Kollegen übers Herz.

Große Worte zum Abschied? Er hätte sie wohl nicht gemocht. Sagen wir’s leise, so wie man sich von einem alten Weggefährten trennt: Good bye, Conny. Rolf Zundel