„Kopf hoch kalte Wut“, Gedichte & Texte von Johann P. Tammen. Diese Arbeiten leben vom Pathos der Empörung. Sie fielen einerseits auf die Enttarnung, die Demaskierung gesellschaftlicher Mißstände und andererseits auf Solidarität, ein Leben im Freien, Kommunikativen: „Nehmt Anlauf, setzt über die Hürden, öffnet Türen und Fenster ... Stürmt aus dem Zimmer, lauft über die Meere in das andere freundliche Land, gebt, was zu teilen ist, jedem...“ Tammens Programm ist es, aus dem „Zimmertheater“ der Isolation und der Subjektivität ins „Straßentheater“ zu gelangen; und wenn der Ton der Aggressivität und der Polemik auch vorherrschend ist, so gibt es doch Gedichte, in denen die Phantasie sich vom Diktat dessen befreit, was der kritische Verstand ablehnt, und dann ist die Sprache leicht, bisweilen sogar von graziler Gelenkigkeit: „... hier vernimmt / wer den Regen lateinisch / sprechen hört /, die Klage des traurig / pfeifenden Seehunds ... hier erwähnt / sich die teerschwarze Dohle Maischen den Mahlzeiten / und das Zwiebelmesser f. schält faustgroße Tränen ...“ Die meisten Gedichte und Prosaarbeiten Tammens werden jedoch aus einem Gefühlshaushalt bestritten, der in der selbstverfaßten Devise „Und unsere Trauer entspricht unserer Wut“ genau zum Ausdruck kommt. Der Autor, der weder Sentiment noch Rhetorik meidet, weiß: „Wir werden es schwer haben / weil wir’s / nicht leicht nehmen können.“ Wie viele jüngere Lyriker hat der 1944 geborene Tammen eine zugleich instrumentelle und utopische Vorstellung von Literatur; und über unerbittliche Festschreibungen und Prognosen, die manchmal vielleicht effizienter in didaktischer Prosa zu formulieren wären, erhebt sich etwa die „Kleine Aufforderung zur Freilassung des Wetterhahns“, eine Arbeit, in der die Dialektik nicht argumentiert, solidem singt, mit der Pfiffigkeit gewisser Kinderlieder. (Mit Collagen von Peter K. Kirchhof; Verlag Atelier im Bauernhaus, 2802 Fischerhude, In der Bredenau 5, 1979; 140 S., 14,80 DM.) Hans-Jürgen Heise

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„Heyne Discothek“ nennt sich eine neue Taschenbuchreihe, in der Biographien bekannter Pop-Größen erscheinen. Ein Blick auf die bisher, veröffentlichten Titel zeigt, daß, Wer die vorderen Ränge der Hitparaden erreicht, würdig ist, in diese Reihe aufgenommen zu werden. Kein Zweifel, hier wurde marktgerecht produziert. Das ist unter anderem daran abzulesen, daß jede der Biographien in einer ihrem Gegenstand entsprechenden Aufmachung und Sprache hergestellt worden ist; die einzelnen Bände zielen auf das Publikum, das auch die Platten der jeweiligen Musiker kauft. Das Buch über das Rock-Quartett „Dire Straits“ beispielsweise erzählt die Legende vom„kometengleichen“ Aufstieg der „netten Jungs von nebenan“ in einer Sprache, die ebenso „laid back“ sein will wie die Musik der Gruppe. In der gleichen Trivialität und Belanglosigkeit, die der Musik der Berliner Kinderband „The Teens“ eigen ist, ist ihr Portrait gezeichnet: Anekdoten über Streit und Skandälchen, die kolportagehafte Darstellung der Lebensläufe („Die Teens und ihre Tiere“), zudem etliche Photos der „Teens“ als Babys, in der Badewanne sowie in Badehose und Star-Pose reproduzieren jenes Bild, das die Schallplattenindustrie vorgefertigt hat. Der laszivordinäre Gestus eines Mick Jagger findet seine Entsprechung in einem voller sexueller Anspielungen geschriebenen Text, in einem Montage-Stil, der auf das eher intellektuelle Publikum, das die „Rolling Stones“ heute hört, abgestimmt ist. Allen Bänden gemeinsam ist der weitere Ausbau hinreichend kolportierter Klischees. Durchgängig ist die unkritische Haltung. Worum es in solchen Biographien gehen sollte, wird zum Unwichtigsten: die Musik. (Klaus Dewes: „Dire Straits“; 160 S., 5,80 DM. – Tony lang: „Die Teens und ihre Tiere“; 176 S., 6,80 DM. – J. Marks: „Rolling Stones“; 192 S., 5,80 DM; alle herausgegeben von Thomas Jeier, Heyne Verlag, München, 1980.) Ralph Quinke

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„Schnellimbiß“, von Wolfgang Baumann, Harald Kimpel und Friedrich Wilhelm Kniess. Es gibt kaum einen Ort, wo er nicht sein Fett verspritzt, der Imbißstand. Zwischen München und Hamburg wird das kulinarische Standard-Angebot, Würstchen, Spieße, Hamburger und natürlich Pommes, rot/weiß oder ohne, über die schmierige Theke geschoben. Der Reduktion des Angebots entspricht die Reduktion der Eßkultur – und die Reduktion der Budenarchitektur auf das Notwendigste. Die Begriffe „Reduktionsarchitektur“ und „Mangelästhetik“ stehen im Zentrum des vorliegenden Bändchens, das sich nicht begnügt mit der allerorten geübten, groß- oder kleinbürgerlichen Kritik an diesen Fettnäpfchen unserer Wohlstandsgesellschaft – einer Kritik, die ja deshalb so eingängig ist, weil sie unsere Vor-Urteile bestätigt. Statt vorgefaßter Meinungen bieten die Autoren eine sozialhistorische und architektonische Analyse des Imbißstandes. So werden etwa die Fabrik-Kantinen des vorigen Jahrhunderts als laute und verqualmte Vorgänger der heutigen Imbißstuben angeführt; aus dieser Rückschau kann der Schnellimbiß neu als „Ort der Verweigerung“ begriffen werden: Vereinzelt kaut die hungrige Laufkundschaft stehend vor sich hin; nur die Kinder genießen die archaische Nahrungsaufnahme Vielleicht ist der Text in seiner ökonomistischen Sprache eher Anregung als Ergebnis – aufregend ist dagegen die faszinierende Trostlosigkeit der Bildbeispiele: Imbißstände entlang der Bundesstraße Marburg–Bielefeld. (Eine Reise durch die kulinarische Provinz; mit Photographien von Dieter Mayer-Gürr; Jonas Verlag, Marburg, 1980; 96 S., 53 Abb., 9,80 DM.) Siegfried Gronert