Berlin: „Raffael Rheinsberg: Bekannte – unbekannte“. Rheinsberg arbeitet mit Fundstücken, und diese objets trouvés tragen allesamt Spuren früheren Lebens: er sammelt und stellt aus, was gemeinhin als Schutt und Abfall bezeichnet wird (und trägt die Objekte anschließend an den Fundort zurück). Dabei stößt er auf die Vergangenheit, auf die Geschichte des Objekts und der Menschen, die sie benutzt, auf sie eingewirkt haben. In Berlin, wo der Kieler seit einiger Zeit ein Atelier hat; ist es vornehmlich die Geschichte der Stadt: Zu Anfang des Jahres breitete er an Hand von Photos und Fundstücken die Geschichte, des malträtierten Anhalter Bahnhofs aus, jetzt hat er ein Kettenregel aufgetrieben und dort neben vergilbten Photos, Mütze, Brille und Tornister Politisches ausgebreitet: eine Zeitschriften-Sondernummer feiert den „Tag von Potsdam“ und das „Kabinett der nationalen Erneuerung“ mit dem adretten Hitler am Anfang seiner Kanzlerschaft. Zentraler Punkt der Ausstellung ist die Beschäftigung mit Berliner Ziegelsteinen (denen Janos Frecot im Katalog ein wehmütig-liebevolles Hommage widmet): Die alten Steine tragen nicht nur die Spuren ihres „Verbrauchs“, nicht nur Fabrikname und -nummer, auch die Fingerspuren der Arbeiter, die sie formten. Mit der größten Installation füllt Rheinsberg zwei Galerieräume: rasterförmig angeordnete Ziegel, die in unterschiedlicher Stellung, aber immer im rechten Winkel zueinander und zum Fußboden, stehen und liegen, eine Mischung von Stonehenge und Carl Andre von Mythos und Konzept-Kunst, Ordnung und Unordnung. Hier wird, neben der Vergangenheitssuche, ein zweites Motiv in Rheinsbergs Arbeit deutlich, eine Massierung, die – wie in frontal plazierten Eisentüren oder beim Bohlen-Stapel des Bahnhofs-Projekts – zur Bedrückung werden kann. Es scheint, daß diese beiden Motive in einem noch ungeklärten Verhältnis zueinander stehen: Rheinsberg könnte sie stärker miteinander verbinden oder in einer eindeutigen Trennung die formale Seite weiter verfolgen. (Neuer Berliner Kunstverein, bis 3. Januar 1981, Katalog 7 Mark.) Ernst Busche

München/Villingen: „Gastini, Spagnulo und Zorio“

Walter Storms gehört zu den wenigen Münchner Galeristen (man kann sie in den Fingern einer Hand abzählen), die konsequent an einem Programm festhalten – er zeigt Konzeptkunst, Arbeiten, die den neokonstruktivistischen Strömungen zuzurechnen sind und Arte povera. Eine in die Kategorie wichtig fallende Galerie also mit schwierigem Programm. Es wäre sicher aufschlußreich, einmal genauer zu untersuchen, wie das Publikum in der sogenannten Provinz auf diese Art von Kunst reagiert: Storms präsentiert in seinerVillinger Zweiggalerie nämlich auch nichts anderes als in München und nun zum erstenmal gleichzeitig dieselben Künstler. Die drei Italiener, schon vor dem geschickt inszenierten Boom für die südlich der Alpen produzierten Pseudonovitäten, fest etabliert auf der über die Schweiz nach Norden führenden Ausstellungsschiene der Avantgarde, liegen mit ihren neueren Arbeiten gut im Trend, ohne sich irgendwie anzubiedern. Zorios Installationen, die mit seinen Vorstellungen Von Energie und Überlegungen zur „Reinigung von Sprache“ zu tun haben, sind pathetisch, aber nicht mehr aggressiv (obschon er Wurfspeere verwendet) – vor einem Jahrzehnt noch hat er das Wort „Odio“ (Haß), mit einem Beil in die Wand gehackt, nun ist es in säuberlich gegerbtes Leder eingebrannt. Gleiches gilt für Gastinis fast monochrome Leinwände, die durch aufgesetzte Metallstücke oder davor postierte Teile von Gipsplatten als dreidimensionale Objekte wirken und Spagnulos irgendwo zwischen Konzeptkunst, Minimal und Spurensicherung angesiedelte Arbeiten zum Thema Archäologie. Alle drei operieren in einem schwer greifbaren emotionalen Umfeld, die einfachen, aber in der überraschenden. Verbindung hochästhetisierten Materialien (bei Spagnulo etwa Karton, Vulkanasche und Metall) werden zum Träger über das Kunstwerk hinausweisender Bedeutungen, die durch die vom Künstler mitgelieferten Erklärungen eben nicht zu entschlüsseln sind. Die Spannung zwischen dem präzisen Umgang mit den Materialien und dem vagen Horizont des damit Gemeinten, hält diese Arbeiten in einem Schwebezustand zwischen dem Geheimnisvollen und dem Banalen. (In München bis zum 24. Januar 1981, in Villingen bis zum 25. Januar 1981)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Georg Mache – Bauhauszeit 1913–1927“ (Bauhaus-Archiv bis 12. Januar, Katalog 25 Mark)

Berlin: „Fernand Leger“ (Staatliche Kunsthalle bis 7. Januar, Katalog 30 Mark)