ZDF, Dienstag, 16. Dezember: „München: ein Zufall Fragen zum Rechtsextremismus, von Renate Juszig und Lea Rosh

Da waren zunächst einmal die Bilder, Bundesrepublikanische Nationalsozialisten, von der Polizei umsorgt und behütet, schrien den Demonstranten ihr „Rotfront verrecke“ zu. Deutsche Männer jubelten, bierdunstumnebelt, dem „größten Kriegshelden“ der Nation, ihrem Herrn Oberst Rudel, zu. Grabmäler zeigten Hakenkreuze, Steine die Inschrift: „Die Juden haben es hinter sich. Die Türken haben es vor sich.“ Zeitungsverkäufer sprachen über ihr Nationalzeitung kaufendes Publikum; wer der Beigabe zum „Bayernkurier“, wer das eine kauft, verachtet das andere nicht, war, zumindest am Rande, die Rede. Kommunisten, hieß es, müsse man vergasen, das „rote Dreckspack“ mitsamt den Ausländern, dem ungeziefergleichen Untermenschentum, im Namen Deutschlands verfolgen! Kirchengänger, alte Soldaten, Herumsteher wurden befragt: Die Antwort klang schauerlich; Brave deutsche Männer im Kampf gegen den Ansturm der Steppe.

Und dann waren da, die Bilder kommentierend, einige Führ-Analysen, knappe, zum Nachdenken: und nicht zum blinden Übernehmen der vorgetragenen Thesen einladende Interpretationen. Gewerkschaften, deren Demonstrationszug bayehöfen Obere durch Randzonen; an Friedhöfen und Gefängnissen vorbei, geführt hatten: zum Schutz der versammelten Nationalsozialisten bundesrepublikanischer Prägung... Gewerkschafter beschrieben in präziser Rede das Vorschub der Renaissance des Faschismus brauchen leistende Syndrom (Motto: Wir brauchen einen starken Mann), Heinrich Albertz, tragende Figur des Films, nannte die Dinge beim Namen: Im Zeichen des rüdesten Antikommunismus würden zwischen Drittem Reich und Republik Kontinuitäten geschaffen – nach der Maxime: Wer sich dem Bolschewismus versagt, ist eo ipso Demokrat.

Und dann waren da schließlich, Bilder und Analysen überhöhend und beide vereinend, die blitzartig-erheilenden Vergleiche. Und zwar Vergleiche zwiefacher Art: Vergleiche zwischen den gewaltigen Protestdemonstrationen gegen den Faschismus in Frankreich und Italien drüben und dem unbekümmerten Weitersaufen, Weiterfesten hüben, nach dem Attentat. Und Vergleiche, zum anderen, zwisehen der gewaltigen Anstrengung des Deutschen. Bundestages anno 1977/78, als es gegen den Terror von links ging, eine Einheitsfront der Demokraten zu schaffen, und dem penetranten Schweigen nach den Morden von rechts. (Kein Wort zu „München und die Folgen“ in der Regierungserklärung.)

Bilder, Analysen und Vergleiche ergaben am Ende ein Ganzes; aus Impressionen, Statements und erhellendem Kontrast wurde ein Panorama – die Ansicht eines Landes, das, revolutionslos und ohne geschichtsbestimmende republikanische Tradition, im Jahre 1945 mit einer Bevölkerungs-Majorität überlebte, zu deren eiserner Ration in Sachen Politik die Devise gehörte, daß das Recht und die Rechte wesenseins seien.

O, es war schon lehrreich zu sehen, wie die Pariser, stolz auf das – nicht den Kommunisten zum Exklusiv-Gebrauch zu überlassende – Ehrenwort „Antifaschismus“ durch die Avenuen der Metropole zogen, während in Augsburg Gewerkschafter menschenleere Zonen zu durchschreiten hatten – lehrreich, wie emphatisch die Banden-Verfolger von 1977 drei Jahre später, nach dem dreizehnfachen Münchner Mord, zu schweigen verstan-

den. Moralische Empörung, so scheint es, bedarf des politischen Pfeffers, um sich entfalten zu können ... und zwar des roten und nicht des braunen. Wenn der fehlt, weil statt der „Bande“ nur „gewisse Gruppierungen“ tätig werden, die zu nennen den Interpellanten „lächerlich“ macht, dann herrscht Schweigen rundum, und das Wort führen – dies war die schauerlichste Szene des Films – die allein um ihr Maß Bier besorgten Trinker auf der Theresienwiese.

Fürwahr, ein trauriger Film – aber auch ein zornig machender. Momos