Von Reimar Lust

Die Bonner Haushaltskürzungen machen auch vor dem Forschungsetat nicht halt. Rand 700 Millionen Mark sollen wegfallen. Professor Reimar Lüst, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, warnt vor rabiatem Streichen: Wir schneiden uns damit ins eigene Fleisch.

Die erste Behandlung des Bundeshaushalts 1981 im Kabinett hat auch dem Letzten in der Bundesrepublik klargemacht, daß wir auf absehbare Zeit den Riemen enger schnallen müssen. Sparen und Einschränkungen in den öffentlichen Haushaltsplänen zwingen zu schwierigen, oft schmerzhaften politischen Entscheidungen. Sicher kann kein Bereich dabei ganz ungerupft davonkommen. Es gehört wohl zum politischen Geschäft, daß jeder dann erst einmal laut schreit, gerade bei ihm hätten Kürzungen ganz einschneidende Wirkungen. Einsetzbare Wählerpotentiale haben dabei besonderes Gewicht. Die Wissenschaft kann da nicht viel vorweisen, denn ihrer Zahl nach sind die Wissenschaftler in der Bundesrepubblik politisch ohne Bedeutung. Schweigt die Wissenschaft deshalb vornehm, so wird der für sie zuständige Minister mitleidig gefragt, wo denn seine Unterstützung für sie bleibe. Meldet sich die Wissenschaft aber doch öffentlich zu Wort, so wird sie oft allzuschnell in die Reihe der Lobbys eingestuft, die engstirnig nur ihr eigenes Interesse verficht. Es gelingt den Wissenschaftlern selten, die Bedeutung von Forschung und Wissenschaft für das Gemeinwohl öffentlich klarzumachen.

Liegt es nicht nahe, die Mittel für die Forschung, die sich seit 1965 vervielfacht haben, nun kräftig in die Kürzungen einzubeziehen? Warum sollte es nicht auch bei der Forschungsförderung Wildwuchs geben, der sich beschneiden ließe, ohne daß auf lange Sicht Schaden zu befürchten wäre? In der Tat wäre es unredlich, bei der derzeitigen Diskussion über die Kürzung der ursprünglich im Haushalt des Bundesministeriums für Forschung und Technologie vorgesehenen Ansätze – um rund 700 Millionen Mark, mehr als 10 Prozent – gleich den Zusammenbruch der Forschungsförderung an die Wand zu malen. Es kann ja nicht im Interesse einer qualifizierten Forschung liegen, erreichte Besitzstände unter allen Umständen zu verteidigen, einzelne Vorhaben zu verewigen. Doch steht weit mehr auf dem Spiel.

Die Bundesrepublik ist ein Land ohne wesentliche eigene Rohstoffe, aber auf hohem industriellen Stand. Damit ist es notwendigerweise exportorientiert. Ein solches Land braucht eine qualifizierte Forschung. Es geht um die langfristige Sicherung unserer Zukunft, Die Voraussetzung dafür ist neben zukunftsorientierter technischer Entwicklung und anwendungsorientierter Forschung eine Grundlagenforschung von internationalem Gewicht.

Erinnern wir uns an die Maxime des großen Wissenschaftlers und Industriellen Carl Bosch. Zur Zeit der ersten Wirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre handelte er als Chef der damaligen IG-Farben nach dem Grundsatz, daß es darauf ankomme, bei allen notwendigen Einschränkungen vor allem für die Zukunft zu sorgen. Dies bedeute für ihn vor allem verstärkt in die Forschung zu, investieren. Der Erfolg hat Carl Bosch recht gegeben.

Die Politiker sind vom Wert der Forschung für die Zukunftssicherung unseres Landes überzeugt, dies jedenfalls haben sie im Bundestag und in der Öffentlichkeit jüngst wiederholt erklärt, Diese Überzeugung liegt doch auch der Tatsache zugrunde, daß sie die Förderung in den letzten Jahren sehr verstärkt haben; sie sollten daher jetzt bei den schwierigen Haushaltsberatungen vor allem der Bedeutung der Grundlagenforschung eingedenk bleiben und deren besonderen Anfälligkeiten Rechnung tragen. Vier Punkte sind dabei hervorzuheben: