Von Klaus Lindemann

Ein Schuljubiläum öffnet nicht nur Festrednern den Mund, sondern legt auch längst verstaubte Archive frei. So geschehen bei dem Essener Gymnasium Borbeck, das 1980 seinen 75. Geburtstag feierte, eine Schule vor den Toren der Kruppschen Fabriken. Zu Tage kam eine lückenlose Liste aller Abiturthemen im Fach Deutsch: in der nüchternen Aufstellung zugleich ein Stück deutscher Geschichte.

Damals, im Kaiserreich, gab es zunächst nur ein Thema, mit dem der Lehrer seinen Schülern Einverständnis zu allem abverlangte, was offiziell und entsprechend laut gedacht wurde. Eigenständige oder gar kritische Auseinandersetzung war sicher nicht gefragt, wenn die Abiturienten von 1911 ein Potpourri der damaligen Phraseologie zu dem Thema: „Wodurch hat sich Kaiser Wilhelm I. ein bleibendes Denkmal in den Herzen aller guten Deutschen gesetzt?“ zusammenschreiben mußten. Söhne von nicht so „guten“ Deutschen, etwa Sozialdemokraten, die es unter den Schülereltern in Borbeck durchaus gab, hatten es unter dem Kaiser der Sozialistengesetze sicher nicht so leicht, auch in ihrem Herzen ein Denkmal zu entdecken.

Und heute? Seit der amtlichen „Regelung für die Aufgabenstellung in der schriftlichen Abiturprüfung in der neugestalteten gymnasialen Oberstufe im Fach Deutsch“ durch die Kultusministerkonferenz von 1975 liefert der Lehrer die Lösungen gleich mit.

Thema für einen Grundkurs Deutsch 1979: „Wolf Biermann, Tischrede des Dichters, a) Welche dominanten sprachlichen Mittel verwendet der Autor, wozu dienen sie? b) Welche Forderungen werden – aus der Sicht Biermanns – von den Genossen an seins Kunst erhoben? c) Worin-, besteht nach Biermanns Auffassung die Funktion des Dichters? d) Wie ist seine Auffassung vor. dem Hintergrund seiner spezifischen Produktionsbedingungen zu bewerten?“ Das klingt, als habe der Lehrer Sorgen, seine Schüler könnten nach neun Jahren Deutschunterricht den Biermann-Text mit einer eingekleideten Mathematik-, aufgabe verwechseln.

Der Themensteller von 1911 war noch Erfüllungsgehilfe eines Deutschunterrichts, der die Forderungen des „Deutschen Germanisten-Verbandes“ von 1912 vorwegnahm, „daß die Erziehung unserer Jugend auf völkischem Boden gründet, das Deutsche also in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt werde“. Sein Kollege von 1979 sieht, sich als streng reglementierender Erfüllungsgehilfe einer von vielen als „technokratisch“ empfundenen Bildungsreform. Er muß sich fragen, ob eine derartige Begegnung mit der Literatur den Schülern nicht eher den Zugang zur Literatur verstellt.

Vor 1918 dominierten politische Themen. Zum Selbstverständnis der Hohenzollernmonarchie: „Haben wir Deutsche Grund einzustimmen in das stolze Wort unseres Kaisers: ‚Ich bin ein deutscher Bürger‘?“ (1908), zur nationalen Frage: „Die Verwirklichung des deutschen Einheitsraumes“ (1912), zur Strategie der deutschen Kriegsführung: „Welche Vorteile und Nachteile bietet die geographische Lage Deutschlands im Weltkriege?“ (1915), zur Rechtfertigung des Krieges: „Inwiefern bewahrheitet sich der Spruch: ‚Auch der Krieg hat sein Gutes im heutigen Völkerringen?“ (1916), zu deutscher Weltmission: „Warum braucht Deutschland Kolonien?“ (1918).