Von Rudolf Herlt

Zu Beginn des neuen Jahres müssen alle Filialleiter der Commerzbank im Norden, Westen und Süden unseres Landes ihr Köfferchen packen – nicht, weil sie gefeuert werden, sondern weil sie der neue Sprecher des Vor-Stands, Paul Lichtenberg, zu einer Konferenz nach Frankfurt einladen wird. Er hat sich vorgenommen, seine Mitarbeiter „nach innen und nach außen zu motivieren“. Der Führungswechsel bei der drittgrößten deutschen Großbank beginnt nämlich mit wichtigen Änderungen in der Geschäftspolitik.

Die Ertragslage der Bank, die im Wettbewerb mit den beiden anderen Großbanken, der Deutschen und der Dresdner Bank, wegen geschäftspolitischer Unzulänglichkeiten und personeller Schwächen in den letzten beiden Jahren enttäuschend schwach war, hat sich zwar im letzten Quartal 1980 leicht verbessert. Aber sie ist noch immer unzureichend. Die Dividende müßte aus der Substanz gezahlt werden. Darum wird Lichtenberg seinen Filialleitern in einer Schweiß-, Blut- und Tränenrede die Lage erklären: „In diesen schwierigen Zeiten muß jeder Opfer bringen. Wenn es keine Dividende gibt, dann gibt es auch keine Tantiemen.“ Und es gibt diesmal keine Dividende.

Daß Paul Lichtenberg nach einem vierjährigen Zwischenspiel im Aufsichtsrat der Bank am 15. Dezember 1980 in den Vorstand zurückbeordert wurde, gehört zu den wenigen Ausnahmen von der deutschen Spielregel, daß Vorstandsmitglieder zwar in den Aufsichtsrat desselben Unternehmens gehen dürfen, der Rückweg in den Vorstand aber normalerweise versperrt ist. Das Aktienrecht laßt diesen Rückweg nur in besonderen Fällen für längstens ein Jahr zu. In der Industrie hat es zwei oder drei Fälle dieser Art gegeben, in den sechziger Jahren bei der AEG, ein andermal bei Orenstein & Koppel – in der Bankwelt noch nicht.

Lichtenberg, die dominierende Figur bei der Commerzbank, hat sich nach einer Rückkehr in den Vorstand nicht gedrängt. Sein Dasein als Aufsichtsratsvorsitzender entsprach vielleicht nicht ganz seinen Idealvorstellungen, die er aus den Gewohnheiten seines Vorgängers im Aufsichtsrat, Hanns Deuss, abgeleitet hat. Unter Deuss, dem anderen starken Mann in der Commerzbank der Nachkriegszeit, hatte sich die ungewöhnliche Übung eingespielt, daß der Aufsichtsratsvorsitzende an allen Vorstandssitzungen teilnahm. Lichtenberg hatte dazu keine Gelegenheit. Ein sich selbstbewußt gehender Vorstand mit dem Sprecher Robert Dhom an der Spitze probte nach Lichtenbergs Eintritt in den Aufsichtsratsvorsitz den Aufstand. Unter Berufung auf die Praxis bei der Deutschen Bank und auf das Aktienrecht hatte der Vorstand beschlossen, Lichtenberg aus dem Tagesgeschäft der Bank heraus- und von Vorstandssitzungen fernzuhalten. So lebte er als Aufsichtsratsvorsitzender sicher nicht in der schönsten aller möglichen Welten. Er saß zwar Tag für Tag an seinem Schreibtisch in der Bank, doch seine Anwesenheit wurde wenig genutzt.

Dann schlug das Schicksal zu. Sprecher Robert Dhom erlitt am 15. Juli 1980 einen Herzinfarkt, was der in der Öffentlichkeitsarbeit unerfahrene Vorstand der Umwelt auch dann noch verschwieg, als es schon die Spatzen von allen Frankfurter Dächern pfiffen. Denn wo immer die erste Garnitur der Bankiers zu erscheinen hatte – die Commerzbank war nicht mehr präsent. Da sprang Aufsichtsratsvorsitzender Lichtenberg in die Bresche. Er scheute keine Anstrengung, keine Reise war ihm zuviel. Die Commerzbank war wieder überall durch Lichtenberg vertreten.

Dhoms Versuche, die Arbeit wiederaufzunehmen, scheiterten. Nach fünfmonatiger Krankheit mußte er Mitte Dezember das Handtuch werfen. Lichtenberg hatte schon im Oktober erkannt, daß Sprecher Dhom nach seiner Erkrankung nicht mehr in der Lage sein würde, die Bank in schwieriger Lage zu verteidigen. So reifte bei ihm der Entschluß, Dhom einen zweiten Sprecher an die Seite zu stellen, schließlich gibt es auch bei der Deutschen Bank zwei. Als Mann der Tat begab er sich sofort auf die Suche. Im Grunde suchte er sein Abbild: einen kenntnisreichen, zur Führung entschlossenen, distinguierten, aber bescheiden auftretenden, grundsoliden Mann.