Von Christian Schmidt-Häuer

Warschau/Danzig, im Dezember

Durch Krakau rollten sowjetische Panzer. Doch nur Kameraleute nahmen von ihnen Notiz. Die Bevölkerung wahrte Disziplin. Umsichtige Leute hatten sie beschwichtigt. Die Panzer rollten für den Papst, genauer: für einen Spielfilm über sein Leben. Ein Kapitel dieses Films, das am Ende des Zweiten Weltkriegs spielt, zeigt das Einrücken der Sowjets in jene Stadt, deren Bischof Karol Wojtyla war.

Die Szene, die da in aller Ruhe gedreht wurde, und die gleichzeitig so hautnah an die drohende Realität herankam – sie steht für viele ähnliche Bilder in diesem polnischen Dezember. Die leidvolle Geschichte des Landes konnte jeden Augenblick die Wirklichkeit einholen, der Nervenkrieg von Osten, das Nervenfieber des Westens mochten Warschau in eine schlimme Krise stürzen. Doch Polen blieb ruhig wie das Zentrum eines Orkans. Während im Prager Frühling spontane Aufläufe Fahnen und ungezügelte Demonstranten ihre Fahnen schwenkten, waren die Städte leergefegt von Plakaten und Spruchbändern mit dem Motto Solidarność – selbst an dem Tage, da vorige Woche in Danzig das Denkmal für die Opfer des Dezember 1970 eingeweiht wurde.

Kein Wort des Zorns kam aus den Schlangen, in denen die Menschen unmittelbar vor Weihnachten sogar nach Butter und Bonbons so lange anstehen müssen wie früher nur nach dem Braten. Die Zöllner an den Grenzen zeigten keine Nervosität über die von Ost und West gemeldeten Infiltrationsversuche – sie ermahnten statt dessen die Urlaubsreisenden der Warschauer Ausländerkolonie, bei der Rückkehr ja genügend Mehl, Käse und Speiseöl mitzubringen. Die Putzfrauen in den Hotels drehten die Radios auf volle Lautstärke, damit sie über den ganzen Flur die Rundfunkübertragung der Sonntagsmesse hören konnten. Polen blieb das Land der offenen Türen, in dem–wie in keinem anderen sozialistischen Land – der Zugang zu den meisten Ministerien und zum Parlament noch ohne Passierschein möglich ist. Ausgeschlossen, ausgewiesen wurden nicht einmal jene Boulevardblatt-Schreiber und jene journalistischen Ledernacken unter den amerikanischen Fernsehreportern, die dem überforderten Lech Walesa in peinlichen Interviews die Lust am Untergang geradezu in den Mund zu legen versuchten – mit Fangfragen, deren Kern sich auf drei Worte beschränkte: Invasion – Panzer – Bürgerkrieg.

Das Wunder dieser ersten Dezember-Wochen hat mit den Klischees aufgeräumt, daß die Polen kein kühles Blut bewahren und kein Krisenmanagement praktizieren können. Für Danzig leben – nie wieder auf Polen schießen, so lautet der eigentliche Schwur an der Lenin-Werft, der Armee und Arbeiter, Kirche und Kommunisten für die Zukunft in einen rationalen Kompromiß zwingen soll. „Danzig“, so sagte Außenminister Jozef Czyrek zwei Tage nach der Denkmals-Einweihung im Gespräch und mit deutschen Worten, „Danzig steht nicht nur für die nationale Aussöhnung, es steht auch für die Mitverantwortung aller.“.

Doch worin besteht das Wunder – und wie weit kann es wirklich tragen?