Ludwig von Friedeburg über die Gegner der Studienreform

Es brodelt wieder einmal in der Westdeutschen Rektorenkonferenz. Anlaß sind umstrittene „Grundsätze für Studium und Prüfungen“. Entworfen hat sie eine zentrale Kommission für die Studienreform. Daß es diese Kommission überhaupt gibt, ist für viele schön ein Ärgernis. In der Tat wäre alles anders, wenn erprobte neue Studienmodelle, die den heutigen Aufgaben der Hochschulen gerecht werden, durch ihr überzeugendes Vorbild und die Kraft der Selbstverwaltung, beispielsweise in der Westdeutschen Rektorenkonferenz, das Studium in der Bundesrepublik weithin erneuert hatten. Aber über die Studienreform wird in den Hochschulen seit Jahrzehnten vor allem geredet.

Solange man die Universität „im Kern gesund“ wähnte, drängte auch wenig zum Handeln, Die wachsende Zahl der Studierenden ließ dann zunächst den Ausbau derHochschulen, die studentische Protestbewegung eine neue Organisation der Selbstverwaltung, die alle Gruppen beteiligte, vordringlich erscheinen. Aber niemand sah damit das Ziel der Hochschulreform erreicht. Vielmehr handelte es sich um Vorbedingungen für die endlich zu verwirklichende Studienreform.

Doch zumeist konnten sich die Gruppen so Wenig auf neue Formen und Inhalte der Studiengänge verständigen wie vorher die Ordinarien. Weitere Jahre vergingen; der Studenten wurden es immer mehr. Kein Wunder, wenn der Staat – und das sind wir alle, als Bürger wie Vor allem auch als Steuerzahler – immer weniger bereit sein konnte, dem achselzuckend zuzuschauen. In den neueren Hochschulgesetzen des Bundes und der Länder war von Studienreform nicht mehr nur deklamatorisch die Rede; die Parlamente drängten zum Handeln. Das Hochschulrahmengesetz verpflichtete die Länder, gemeinsame Studienreformkommissionen zu bilden, in denen die Hochschulen und die Länder sowie Fachvertreter aus der Berufspraxis zusammenwirken.

So entstand, nach einem Vertrag aller Bundesländer, im Sommer 1978 die Ständige Kommission für die Studienreform. Was immer von ihr zu erwarten ist, sie wird sich an die Gesetze zu halten haben, wenn allgemeine Grundsätze für das Studium und die Prüfungen aufzustellen sind. Dort schon, in den Gesetzen, steht, was nun Wieder zum Gegenstand erbitterten Konflikts geworden ist: der gesellschaftliche Bildungsauftrag der Hochschulen. Er verbindet das wissenschaftliche Studium mit Berufsausbildung und gesellschaftlicher Verantwortung, die mit dem wachsenden Einfluß wissenschaftlicher Ergebnisse auf die gesellschaftliche Entwicklung immer größer wurde.

Daher bezeichnet das Hochschulrahmengesetz als Ziel des Studiums, den Studenten auf ein berufliches Tätigkeitsfeld vorzubereiten. und ihm die dafür erforderlichen fachlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Methoden in dem jeweiligen Studiengang so zu vermitteln, „daß er zu wissenschaftlichen oder künstlerischer Arbeit und zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat befähigt wird“. Wörtlich steht dieser Bildungsauftrag auch im Bayerischen Hochschulgesetz. Das sei jenen Rektoren ins Stammbuch geschrieben, die sich nun zu Anführern der Gegenreform gemacht haben.

Nach manchem Hin und Her hat die Ständige Kommission in diesem Sinne Ende 1979 einen Entwurf der Grundsätze für das Studium verabschiedet, der wahrlich als „ausgewogen“ zu bezeichnen ist. Eine starke Gruppe rückwärts gewandter Rektoren aber will, wieder einmal, die Reform schon im Ansatz scheitern lassen. Sie arbeiteten auf eine Entscheidung der Westdeutschen Rektorenkonferenz hin, mit der die „Grundsätze“ von vornherein abgelehnt werden sollten. Hochschulpräsidenten aus Hamburg und Berlin versuchten in letzter Minute einen, bei aller Kritik, insgesamt doch zustimmenden Beschluß herbeizuführen. Denn der gesetzliche Auftrag und die Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis für die gesellschaftliche Entwicklung machten es notwendig, „den unbezweifelbaren Bildungsauftrag der Hochschulen neu zu überdenken“ und den Praxisbezug des Studiums „im Sinne, eines Spannungsverhältnisses zwischen wissenschaftlicher oder künstlerischer Ausbildung und den Anforderungen der „Praxis“ als zentrales Problem der Studienreform anzuerkennen.