Der Christbaum vor dem Weißen Haus stand auch am letzten Adventssonntag in Dunkel gehüllt. Hätten die Lichter gebrannt, wäre dies das Signal gewesen, daß die Ankunft der zweiundfünfzig Geiseln aus Persien nicht mehr fern ist. Doch die aufglimmende Hoffnung verlöschte wieder, als Teheran zusätzliche finanzielle Garantien forderte.

Zweifellos ist den Mullahs das Geiselproblem ebenso lästig geworden wie dem Staatspräsidenten Bani-Sadr. Es bedarf des amerikanischen Schreckgespenstes nicht mehr, um die auseinanderstrebenden Lager der persischen Revolution zusammenzubinden. Längst ist der Krieg mit dem Irak der Kitt geworden, der die zerrissene Nation im Rahmen hält. Aber wie lange noch? Die Front in Chusistan ist in Schnee und Schlamm erstarrt – weder Iraner noch Irakis zeigen sich zur Offensive fähig. Prompt verlagert sich der Schwerpunkt der Gefahr abermals von außen nach innen.

Von wem wird im kommenden Winter des Mißvergnügens, bei wenig Öl und wenig Geld, die größere Kraft ausgehen? Von den fundamentalistischen Fanatikern des schiitischen Islam, die sich auf eine Mehrheit im Parlament stützen? Von den liberalen, mehr am Westen orientierten Technokraten, die sich mit der Opposition um den vom Volk gewählten Präsidenten scharen? Oder gar von der Armee, deren Nützlichkeit der Krieg Tag um Tag demonstriert?

Bislang hat der über allem Parteiengezänk erhabene Ajatollah Chomeini die verfeindeten Erben des Schah-Regimes immer wieder gegeneinander ausspielen und neutralisieren können. Doch von Mal zu Mal fällt es ihm schwerer, nicht Partei zu ergreifen. Noch schwören die Mustasafin, die vom Schah gezüchteten Elendsmassen, auf das Wort der Mullahs, doch wie zuletzt vom Schah beginnt sich der Basar, die bürgerliche Geschäftswelt, nun auch vom theokratischen Regime abzuwenden. Das unheilvolle Wort von einem neuen, diesmal riesigen Libanon geht um. Über den Wirren erhebt sich die Fratze des Bürgerkrieges.

Den alten Mann in Ghom scheint das wenig anzufechten. Er hat die äußeren „Teufel“ ausgetrieben – der Schah ist leiblich, Carter politisch tot, Saddam Hussein angeschlagen. Nun richten sich Chomeinis Exorzismen gegen das eigene Volk. Soeben hat der Imam das Schachspiel verboten, wörtlich: das „Spiel des Schah“, weil es das Denken zerstöre, aggressiv mache und gegen den Koran verstoße. Sollte Chomeini, dessen Bilder bereits auf den Straßen zerrissen werden, heimlich bei Freud nachgelesen haben? Der hatte Schach kurzerhand als „Vatermord“ diffamiert. kj.