Günter Grass hat noch einen Koffer in Berlin. Einmal im Monat zieht es ihn aus Wewelsfleths dörflicher Idylle zurück in die Berliner Niedstraße in Friedenau. Der „Dörfler“ verordnet sich regelmäßig acht Tage Großstadt.

Ab und zu bekommen wir ihn dann auch zu Gesicht – wie an jenem Wochenende in der Druckwerkstatt in Steglitz. Sie gehört dem Galeristen Anselm Dreher, der Wert darauf legt, Galerist und nicht Kunsthändler genannt zu werden. Der Galerist habe nämlich die Aufgabe, zu entdecken und die bildenden Künste zu fördern, während der Kunsthändler auch Teppiche verkaufen könne. Mit anderen Worten: ein Idealist. Und dies sind denn wohl auch die Berührungspunkte ihrer gegenseitigen Zuneigung. Nicht, daß Günter Grass unbedingt ein Idealist wäre, aber er schätzt menschliche Werte nun einmal hoch ein. Wer diese einbringt, kann auf ihn zählen. Mit dem Galeristen Dreher verbindet ihn nicht nur Freundschaft, sondern auch acht lange Jahre Zusammenarbeit. Dreher ist sein guter Geist – was die Radierungen betrifft –, der versteht, Grass zu animieren und auch zu korrigieren.

Druckerfrühstück nennen die beiden ihre arbeitsamen Zusammenkünfte im Souterrain der Kellerstraße. Grass bringt vom Friedenauer Wochenmarkt das „kalte Buffett“ mit. Als da sind: Räucherfische, Sülze, Wurst, Käse, Brot, Radieschen, Tomaten und Weintrauben. Dazu Wein, jede Menge. Das alles auf einen alten Wackeltisch gepackt, ergibt schon ein Stilleben für sich.

Der Kanonenofen bullert vor sich hin und verbreitet Wärme. Die beiden arbeiten, während die Gäste frühstücken – bis in den späten Nachmittag hinein. Günter Grass hat abgenommen, er freut sich, daß seine Gäste dies bemerken. Am Finger trägt er einen auffallenden, breiten Silberring – aus China – mit Fruchtbarkeitssymbolen, Er zieht ihn vom Finger – ein antikes Stück. Ja, er hat Asien für sich entdeckt. Seine Bücher, werden ins Chinesische übersetzt, und in Japan, sagt er mit einem kleinen, wissenden Lächeln, würden seine Bücher gelesen, von der ersten bis zur letzten Seite. Wir nicken in Ehrfurcht.

Bescheiden und doch dominierend sitzt Grass am kleinen Holztisch und bearbeitet eine Kupferplatte mit der Radiernadel. Es geht nur noch um Auszubesserndes, den letzten Schliff gleichsam. Dies ist darin auch der Moment, wo Anselm Dreher mit behutsamem Rat zur Seite steht. Beim Selbstporträt zum Beispiel sei der Strich auf dem Nasenrücken zu stark geraten, der erste Probeabzug bestätigt das. Schatten seien zu vertiefen oder auch wegzunehmen, meint Dreher. Unreinheiten in der Kupferplatte werden ausgemerzt. Geduldig und konzentriert, korrigiert Grass mit Kaltnadel, Polierstab und Dreikantschaber die Mängel.

Am Gelingen des Grass’schen Werkes ist auch der Drucker beteiligt. Er heißt Martin und ist Kunststudent. Seine Aufgabe ist es, die vom Meister Grass sauber abgebürsteten Kupferplatten mit Druckerschwärze gefühlvoll einzureiben, Überschüssiges mit Auswischgaze wegzunehmen und das Ganze mittels Druckpresse so optimal wie möglich aufs Papier zu zaubern. Mißlingt ihm etwas, ist er mit sich und seiner Umwelt böse. Anselm hält ihn mit unvergleichlicher Sanftmut bei der Stange. Ausgerechnet heute aber widerfährt ihm ein Mißgeschick, wie es einem Drucker nie passieren darf: die Kupferplatte rutscht ihm aus der Hand und schlägt klirrend auf dem Boden auf. Er möchte im Boden versinken. Im Raum herrscht atemlose Stille – bis Anselm die Situation rettet: „Gabriele, was willst du trinken, Martin gibt einen aus!“ Grass antwortet für mich: „Frauen wollen Sekt. – Nur, kannst du das denn auch bezahlen?“

Martin hat sich wieder gefangen: „Na klar doch, ich verkauf’ manchmal meine Sachen auf Märkten und so...“