Was ist eigentlich los? Von Berlin bis Radolfzell am Bodensee besetzen junge Leute leerstehende Häuser, vergreifen sich halbe Kinder, Freaks, Azubis (Auszubildende), Studenten, arbeitslose Jugendliche, Punks und Alternativer an fremdem Eigentum.

In vielen Fallen lassen die Eigentümer dies geschehen, und auch die staatlichen Behörden dulden häufig diese sogenannten „Hausinstandbesetzungen“.

Wieso eigentlich? Muß nicht Eigentum vor fremden Eingriffen geschützt werden? Nicht zuletzt, weil unser Grundgesetz Eigentum garantiert?

Eigentümer von leerstehenden Häusern und der Staat befinden sich in einem Dilemma. Bei vielen Menschen, die eine Wohnung suchen, und das sind bei uns in den großen Städten vorwiegend Jugendliche und Familien, ist das Verständnis für Unternehmen oder Baulöwen nicht groß, die allzu offensichtlich aus Spekulationsgründen ihre Bauten bewußt langsam verkommen lassen, um schließlich die verfallenen Häuser abreißen und an ihre Stelle teure Bauten aus Beton hinklotzen zu können. Die Folge ist eine Vertreibung der angestammten Bewohner aus dem Stadtteil. Denn für sie sind in aller Regel die neuen „Sozialmieten“ nicht zu bezahlen.

Das Dilemma der staatlichen Behörden umschrieb Berlins ehemaliger Bildungssenator Peter Glotz mit folgenden Worten: „Das Besetzen von leeren Gebäuden ist rechtswidrig. Die Leute werden es einem nachrechnen, wenn man Rechtswidrigkeiten nicht gleichmäßig überall verfolgt. Auf der anderen Seite: Man hätte es niemandem erklären können, daß lange leerstehende Gebäude, die besetzt worden sind, um sie herzurichten, geräumt werden müßten, damit sie anschließend wieder leerstehen – Überdies wäre jede Räumung zu einem Kristallisationspunkt von Gewalt geworden; diejenigen, die nur die Gelegenheit zur Konfrontation suchen, wären als erste in die Auseinandersetzung gegangen...Der Staat muß zuweilen zwischen, den Linien operieren.“

In West-Berlin, wo in den letzten Tagen die Zwangsräumung eines besetzten Wohnhauses zu gewalttätigen Demonstrationen führte, hatten sich die Behörden bislang nach der Glotzschen Maxime verhalten: Sie zogen nicht gleich den Polizeiknüppel, sondern verhandelten mit den Hausbesitzern und duldeten in der Mehrzahl der Fälle deren Tun.

Im kleinen Radolfzell am Bodensee wurde das: ausgediente Gerätehaus der Feuerwehr besetzt, das abgerissen werden sollte. Seit acht Jahren hatten die Jugendlichen ein selbstverwaltetes Zentrum gefördert, und ebensolange waren sie von den Stadtvätern vertröstet worden: es gäbe keine geeigneten Räumlichkeiten. Nun – die Jugendlichen fanden das alte Haus geeignet und zogen ein.