Ladendiebstähle werden nur noch verfolgt, wenn der Betrag über 49,99 Gulden liegt

Du sollst nicht stehlen!“ gehört zu den Zehn Geboten aller Kulturen. Die Wegnahme fremder Sachen ist obendrein überall dort eine strafbare Handlung, wo der Mensch den Begriff des persönlichen Eigentums kennt. Zu diesen Ländern gehören die Niederlande jedoch heute nur noch theoretisch.

Der widergesetzliche Entzug von Wohnräumen aus dem Rechtsbereich von Hausbesitzern ist durch die Bewegung der „Kraker“ bereits zu einem Akt sozialer Gerechtigkeit hochstilisiert worden, jetzt zeigt sich, daß auch der Diebstahl mittlerweile von den niederländischen Justizbehörden als alternative Form der persönlichen Bedarfsdeckung vielfach bagatellisiert wird.

Die 120 000 Einzelhandelsgeschäfte des Landes werden jährlich 500- bis 1000millionenmal bestehlen. Anfang der achtziger Jahre haben die Eigentumsdelikte den Umfang einer moralischen Katastrophe angenommen, die mit strafrechtlichen Mitteln nicht mehr einzudämmen ist. Das wahre Außmaß bleibt verborgen, weil die amtliche Statistik nur einen Bruchteil der Ladendiebstähle erfassen kann. Auch der Zentralverband des Einzelhandels kann den Schaden nicht mehr überschauen.

Albert Heyn, Chef der größten Supermarktkette der Niederlande, glaubt zu wissen, wodurch das Brauchtum seiner Landsleute einen kriminellen Einschlag bekommen hat. Bei Entwendung von Gegenständen von geringem Wert verhalten Polizei und Staatsanwalt sich wie beim Mundraub: Der Fall wird in der Regel stillschweigend beigelegt. Ladendiebe, die zum erstenmal erwischt werden und sich nur Sachen unter durchschnittlich 50 Gulden angeeignet haben, erhalten höchstens noch eine „Justizrüge“.

Im Haag mußte das Justizministerium dem Grützwarenmillionär aus Zaandam recht geben: Man könne die Handhabung der Strafgesetze infolge Überlastung mit sogenannten „Kleinvergehen“ nicht mehr gewährleisten. Der niederländische Einzelhandel zog daraus den Schluß, daß seine Kunden sich ungestraft Sachen im Höchstwert von 49,99 Gulden aneignen dürften. Ein Sprecher der Staatsbehörde bezeichnete diese Auslegung jedoch als „Unsinn“.

Tatsache aber ist, daß die niederländische Polizei bei ihr geringfügig erscheinenden Diebstählen eine Anzeige nicht einmal protokolliert, um sich unnütze Schreibarbeit zu ersparen. Sie handelt dabei im Einklang mit den Staatsanwälten, die sich Bagatellen vom Hals halten möchten. Wann allerdings ein Ladendiebstahl Wegen Geringfügigkeit mit juristischem Achselzucken abgetan wird, ist unklar. Sicher ist jedoch, daß damit in den Diebstahlsbegriff eine neuartige Komponente eingeführt wird.