Von Heinrich Albertz

Es war, glaube ich, der preußische König Friedrich Wilhelm I., der den Pfarrern in seinem Lande Sanduhren auf die Kanzeln stellen ließ, um sie ans Ende ihrer Predigten kommen zu lassen. Wie lange mögen sie gelaufen sein? Wahrscheinlich nicht unter einer Stunde.

Heute, im „modernen Leben“, hat diese preußische Sanduhr ihren elektronischen Nachfolger gefunden. Du sitzt vor der Fernsehkamera, und vor dir unter dem Monitor, auf dem du dich beim Sprechen betrachten kannst, läuft die Uhr in Zahlen: 1,30 – 2,40 – 3,50 – 4,20. Vier Minuten und dreißig Sekunden darf dein „Wort zum Sonntag“ dauern. Mit An- und Absage vier Minuten und fünfzig Sekunden.

Vor vierzehn Tagen waren es 28 Sekunden zuviel. Nach Frankfurt mußte telephoniert werden, ob diese Zeitüberschreitung durchgehen könne. Sie wurde genehmigt. Ich atmete auf. Ich brauchte den Text nicht noch einmal zu sprechen. Schneller, nicht soviel atmen, keine auch noch so kleine Pause. Natürlich, ich bin kein Showmaster. Es ist nur das höchst problematische „Wort zum Sonntag“, eingequetscht zwischen Sportberichten und spätem Film.

Am Samstag werde ich wieder dort sitzen im Wettlauf mit der Uhr – fünf Tage vor Weihnachten. Was soll ich sagen? Zum zweitenmal habe ich schon diesen Termin, diesen leichtesten und schwierigsten des Jahres.

So leicht: einfach von dem Kinde zu erzählen, seinem Elend, seinem Glanz, von dem tiefen Sinn, wo und wie es geboren wurde, von der Umkehr aller Maße, sich zum Winzigen und Hilflosen zu beugen und es anzubeten.

So schwer: weil unser Weihnachten verkommen ist bis zur Unkenntlichkeit, prostituiert ans Geschäft, zum schönen Märchen degradiert in einer Welt, in der nicht kindliche Unbefangenheit, kindliche Freude und kindliches Trauernkönnen irgendeinen Wert haben, sondern die zynische Macht der Gewalt, die Macht der Ängste, der wirklichen und der eingebildeten Ängste. Insoweit ist das „moderne Leben“ nicht sehr unterschieden von den Zeiten Jesu – nur die Dimensionen sind andere geworden, das Wissen, um die Zusammenhänge größer. Die Bilder der Zerstörung kommen ins Haus.