Ben Witten „Frauen am Nachmittag“. Der Nachmittag im Titel dieses Buches ist nur ein Synonym für Unbestimmtes, für jene laszive Tageszeit, in der sich nichts oder vieles ereignen kann. Frauen sitzen im Café, auf der Parkbank oder im Büro, kaufen ein, sind verabredet, langweilen sich mit ihren Kindern, besuchen Nachbarinnen oder warten ab, machen erlaubte, verbotene oder bezahlte Liebe. Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben von jungen Mädchen und Ehefrauen, Kindern und Großmüttern, Begehrenswerten und Ungeliebten, Erfolgreichen und Erledigten – Schicksalssplitter aus Resignation und Hoffnung, und auch aus Liebe. Nie zieht Ben Witter selbst aus dem Mikrokosmos seiner Beschreibungen Schlußfolgerungen; er läßt das Ende immer offen im Vertrauen auf die Assoziationsfähigkeit seiner Leser. (Mit Zeichnungen von Margrit von Spreckelsen; FF 2499, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1980; 192 S., 8,80 DM.)

Rolf Zundel: „Das verarmte Parlament“. Der Parlamentarismus in der Bundesrepublik, genauer: Funktionieren und Grenzen des Funktionierens des Bundestages als Kernstück unseres politischen Systems sind der unmittelbare Gegenstand dieses Buches. In Wahrheit greift es jedoch weiter aus. Denn Zundel ist der Überzeugung, daß der Zustand des Parlamentarismus in der Bundesrepublik nur dann angemessen zu analysieren ist, „wenn gleichzeitig die veränderten Bedingungen der Politik und die Veränderung im gesagten politischen System, soweit sie Reflexe dieser Bedingungen sind, mit einbezogen werden“. Das Buch ist insofern mehr als ein neues Kapitel herkömmlicher Parlamentarismuskritik. Es ist ein Versuch, in der Beobachtung und Analyse des Parlamentarismus, den Wandlungen unseres politischen Systems auf die Spur zu kommen. Es beschreibt sowohl die Veränderung der Parteien wie – exemplifiziert an einem konkreten Fall – den „Leidensweg der Gesetzgebung“, untersucht die Schwierigkeiten, in die der Sozialstaat gerät, wenn er am traditionellen Gedanken der sozialen Sicherheit festhält. Zundel kommt dabei zu der Diagnose, daß gerade jene Wandlungen der Bedingungen der Politik in der Bundesrepublik, die zu ihrer außerordentlichen Stabilität geführt haben, Lebendigkeit und Leistungsfähigkeit ihres politischen Systems eingeschränkt haben. (Analysen und Perspektiven, 7, Olzog Verlag, München 1980; 110 S., 8,80 DM.)

„Fluchtrouten“, Roman von Urs Berner. Spätestens seit den Züricher Opernkrawallen haben wir unsere Vorstellungen von einem helvetischen Paradies aufgeben müssen. Für den am Tatort lebenden 36jährigen Schriftsteller Urs Berner hat diese Idylle niemals existiert In seiner vierten Prosaveröffentlichung mit dem bezeichnenden Titel „Fluchtrouten“ wählt er einen ganz und gar nicht beschaulichen Flecken als Handlungsort: das an der aargauischen Autobahn gelegene, gigantische Einkaufszentrum Spreitenbach. Ein neongreller Ort mit einem vom Autor nuancenreich beschriebenen Lebensbereich, der vor allem die hier wohnenden Jugendlichen prägt. Der junge, sympathische Ausflipper mit dem etwas abgegriffenen Namen Rocky streunt wie viele andere Heranwachsende tagsüber im Bannkreis des für sie attraktiven Shopping Center herum. Hier verliebt er sich in die Apothekenhelferin Marianne. Eine unsentimentale Liebesgeschichte entwickelt sich. Rocky und Marianne können schließlich dem ständigen Konsumanreiz nicht widerstehen: Sie begehen Ladendiebstähle und träumen sich in die Glitzerwelt ihrer Film- und Rock-Idole. Die Künstlichkeit des Warenhausparadieses wird nicht nur durch die differenzierten Beschreibungen des Autors decouvriert, sondern auch durch die Sprache: Stereotype Amerikanismen prallen auf ursprüngliches Schweizer Idiom, das Berner bewußt kontrastierend einsetzt. Mit Marianne und Rocky sind dem Züricher Autor zwei überzeugende jugendliche Romanhelden gelungen. (Verlag Steinhausen, München, 1980; 237 S., 26,– Mark.) Brigitte Ashoff