Von Barbara von Jhering

Bei Tiffany herrschte in den Vorweihnachtstagen Hochbetrieb. In der Silberabteilung des hochkarätigen Juweliers drängten sich die Kunden wie beim Ramschverkauf. Sie erstanden vielleicht nur einen silbernen Kugelschreiber oder Schlüsselring für weniger als 20 Dollar, aber auch sie kriegten, was hier fast so wichtig ist wie der Inhalt: eine hellblaue Schachtel mit einem weißen oder blutroten Band, in der jedes Geschenk, in hellblaues Tuch verpackt, auf weißer Watte liegt.

Tiffany-Blau ist kühl und blaß wie das Nordlicht, das Diamantenhändler brauchen, um den Wert eines Steines zu taxieren. Bei den Beschenkten – sofern sie Amerikaner oder doch im US-Wertekatalog ausreichend bewandert sind – weckt die blaue Schachtel Erwartungen. Die Verpackung als Glücksversprechen, als eine Art Garantieschein auf ein Stück einer Existenz, die nicht unbedingt die eigene ist. Mit dem kleinsten Silberanhänger wird etwas von dem transportiert, was der Medienkonsument gern für das Lebensgefühl der oberen Zehntausend hält: sorgenfreier Genuß am Schönen.

Zum Beispiel so: Im Warenhaus-großen Erdgeschoß des massigen Art-Deco-Gebäudes an der Fifth Avenue, wo unter den Augen eines Regiments unauffällig-auffällig herumstehender Sicherheitsbeamter tagtäglich Hunderttausende von Dollar umgeschlagen werden, steht eine Frau im eisgrauen Pelz an einem Tresen und probiert Rubine mit Diamanten. Der Verkäufer, der sich in Miene und Kleidung weder von den Kunden noch von einigen im Nadelstreifen umherwandernden hochgewachsenen Exemplaren der, offensichtlich gehobenen, Wachhund-Gattung unterscheidet, zeigt ihr einen Ring mit den Worten, der koste nur 5000 und sei ein Sonderangebot. Sie wählt schließlich einen für 7000 Dollar, läßt ihn sich aber zurücklegen, um ihren Mann zu Rate zu ziehen.

Dann ist da der Herr im dunklen Zweireiher, als Kunde durch den über den Arm geworfenen Mantel erkennbar. Er steuert auf eine Verkäuferin hinter dem Tresen zu, an dem nur Armbänder verkauft werden, und zieht eine Liste aus der Tasche. Gemeinsam gehen sie darüber. Zum Großeinkauf zu Tiffany’s. Schließlich ist an diesem Tag auch der unvermeidliche Scheich im Laden. Er kauft bescheidene Manschettenknöpfe aus Lapislazuli für 310 Dollar. (Neben den Öl-Milliardären, die sich für alle Preisklassen interessieren, seien es vor allem Deutsche, heißt es, die als Käufer für Geschenke ab 20 000 Dollar in Frage kommen. Große Firmen wie Daimler-Benz haben eigene Konten und bekommen 20 Prozent Ermäßigung auf alle Tiffany-Produkte, unter anderem in der eigenen Abteilung für Firmengeschenke.)

Das übliche, dollarschwere Publikum eines Juwelierladens, gewiß. Aber es gibt auch die anderen, die Laufkundschaft, die nur mal schnell durch den Laden trabt, um sich an den Entwürfen der Spitzendesigner zu freuen: Elsa Peretti, die Italienerin, die auffälligen Silberschmuck in Mode brachte (aber auch für das Gold-gewohnte Publikum Kleinigkeiten entwirft wie einen um den Hals zu tragenden Kreditkartenhalter für 3500 Dollar); Angela Cummings, die aus Hanau gebürtige Amerikanerin, die verschiedenste Materialien und Formen zu ungewohnten, wunderschönen Ketten mixt; neuerdings auch Paloma Picasso, deren Designs so groß sind, wie Hals und Handgelenk es ertragen (ein Armreif aus sieben unterschiedlich dicken Goldringen, mit Brillanten zu einer Art Käfig zusammengefügt, verkauft sich leicht für 36 000 Dollar).

Tiffany-Exklusivität war schon immer etwas teurer – einerseits. Andererseits verkauft man einen witzigen Peretti-Stift aus schwarzem Metall für zwölf Dollar und zieht damit die Kunden von morgen an. Ganz anders Cartier, der europäische Import ein paar Blocks weiter, der in Dekor und Angebot traditioneller, in der Erzeugung von Schwellenangst wahrscheinlich erfolgreicher ist.