Von Gerhard Prause

Bethlehem im Dezember: In dem von Touristenbussen verstopften Zwanzigtausend-Einwohner-Städtchen, fast achthundert Meter hoch in Judäas kargen Bergen und viel orientalischer als das nahe Jerusalem, scheint ein härterer Gegensatz, zu der vertrauen Kunst- und Weihnachtskartenidylle mit dem hochheiligen Paar, den das Krippenkind anbetenden, Gold, Weihrauch und Myrrhe bringenden drei Königen und den vom tiefverschneiten Feld mit Ochs, Schaf und Esel zumheimeligen Holzstall geeilten Hirten nur schwer vorstellbar. Auf überraschende Weise ist hier alles von Grund auf anders.

Nachdem zwei Araber jungen (denen nichts an der Geburtsstätte Jesu Christi, um so mehr an meinem Besuch in dem Souvenirladen ihrer Verwandten lag) mir geholfen hatten, einen Parkplatz zu erkämpfen, war dies für mich die erste Überraschung: Die berühmte Geburtskirche, mit ihrem, hohen Alter eine der ehrwürdigsten christlichen Kirchen der Welt, ist kaum zu sehen. So eng wurde sie umbaut, eingeschlossen von hohen, burgartigen Klostergebäuden der Armenier, der Griechen, der Lateiner, daß, zum Vorplatz hin, nur noch ein Stückchen Wand freiblieb, ein armseliger Rest der alten Portalfront.

Und die zweite Überraschung: Die Kirche scheint keinen Eingang zu haben, bis man erkennt, daß jene kleine Öffnung in der Portalwand, 78 Zentimeter breit und nur 120 (!) hoch, der einzige öffentliche Zugang zu der altersgrauen und verstaubten, aber mit ihren 54 Metern Länge und 26 Metern Breite und den vier Säulenreihen doch höchst eindrucksvollen fünfschiffigen Basilika ist. Ursprünglich, das heißt nach dem Umbau der alten konstantinischen Basilika durch den römischen, christlichen Kaiser Justinian und dessen Frau Theodora im 6. Jahrhundert, war der Eingang fünfeinhalb Meter hoch und drei Meter breit. Im Mittelalter haben Kreuzfahrer das Portal, wie der in der Mauer verbliebene Spitzbogen erkennen läßt, auf die Hälfte verkleinert. Und in der Türkenzeit wurde es bis auf die jetzige Öffnung zugemauert.

Niemand weiß, warum. Manche meinen, es sollte verhindern, daß Pferde und Rinder in die leerstehende Basilika getrieben wurden. Damals nannte ein deutscher Pilger die Geburtskirche „eine Scheune ohne Heu, eine Apotheke ohne Arzneitöpfe, eine Bibliothek ohne Bücher“. Einige Jahrzehnte später, Mitte des 17. Jahrhunderts, entfernten die Türken das Bleidach der Kirche, um daraus Kugeln zu schmelzen.

Ansonsten haben auch die Türken, wie lange vor ihnen die Perser, die Geburtskirche geschont. Die Perser, die bei ihrem Einfall ins Heilige Land zu Beginn des 7. Jahrhunderts alle christlichen Kirchen zerstörten, ließen diese unversehrt, weil sie ein Mosaik von den drei Heiligen, den Magiern oder Sterndeutern, aus dem Morgenland enthielt: „Aus Hochachtung und liebender Ehrfurcht vor ihren Vorfahren verehrten sie die Magier und verschonten die Kirche“, heißt es in einem Brief der Jerusalemer Synode aus dem Jahre 836; „so besteht sie noch in unseren Tagen“.

Die Christen sahen darin ein Wunder. Und ein vielleicht größeres Wunder ist, daß die Kirche auch die dreizehn Jahrhunderte danach überstand, trotz vieler Kriege und Wirren im Heiligen Land und häufig wechselnder Herren. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde sie unter griechisch-orthodoxer Leitung restauriert. Aber 1834 richtete ein Erdbeben großen Schaden an. Und 1869 zerstörte ein Brand die mittelalterliche Ausschmückung der Geburtsgrotte, über der die Kirche errichtet wurde und die ihr eigentliches Heiligtum darstellt. Weitere Schäden entstanden, wieder durch ein Erdbeben, 1927.