Von René Drommert

Zuweilen gibt es, landauf, landab, reizvolle Zimmerangebote. Zuweilen sogar für Studenten. In einer kleinen deutschen Universitätsstadt las man einmal eine Anzeige: „Zimmer, Kalt- und Warmwasser, elektr. Licht und Universität im Hause.“ Ein Pedell pries eine Studentenbude in seiner Dienstwohnung an. In Niederösterreich, wo Obst- und Weinbau hoch entwickelt sind, locken noch heute ausgefallene Zimmerangebote wie dieses: „Warm- und Kaltfließwasser, inklusive Frühstück und 2 Liter Wein (eigenes Produkt) pro Woche“. „Urlaub beim Winzer“ ist das Motto dieser Ferien in der Zwei-Liter-Klasse. Und wer von Winzern spricht in der Alpenrepublik, denkt auch an die Wachau, die Donauregion rund 70 bis 100 Kilometer westlich von Wien mit den Orten Dürnstein (wo sich auch die „Winzergenossenschaft Wachau“ befindet), in Krems, Mautern, Rohrendorf, Rossatz, Senftenberg, Spitz und Weißenkirchen.

In Weißenkirchen beispielsweise fordert Otto Mang für ein Zimmer mit erwähntem Eigenbauwein 800 Schilling pro Woche, für ein Einzelzimmer mit Bad und WC setzt er ein Aufgeld von 290 Schilling an. Das sind etwa 23 Mark täglich. Bleiben wir bei Otto Mang in einer ganz einfachen Taverne und setzen uns mit den Dorfbewohnern zusammen, dann zahlen wir für eine Flasche 1979er „Wachauer Neuburger“ nur 28 Schilling (vier Mark). Der Kursus in Wachauer Mundart ist gratis, aber diffizil. An der Wand der Gastwirtschaft heißt es: „Dedos * it * zen sanimmerdo * un dsanabonni * erta * ufaguat * strep * ferl!“ Nun, beim zweiten oder dritten Glas Wein dürfte man schon dahinterkommen.

Man kann, was die Höhe der Unterkunft und Höhe der Preise betrifft, sehr viel höher hinaus. Im feudal wirkenden „Hotel Schloß Dürnstein“ kostet ein Einzelzimmer mit Vollpension bis zu 860 Schilling täglich, also nahezu 100 Mark mehr als bei Mang – bei entsprechenden Leistungen. Und etwa noch Aufschläge im Juli, dem Haupturlaubsmonat? Im Gegenteil. Das Schloß Dürnstein gewährt von Ende Juni bis Ende Juli (bei einem Mindestaufenthalt von fünf Tagen) sogar einen Nachlaß von zehn Prozent. In der Wachau gibt es vielerorts nämlich ein „Juliloch“, eine Flaute. Das hat seinen Grund: Es gibt kaum Bademöglichkeiten, Seen sind nicht vorhanden; wer auf Wellengischt erpicht ist, fährt also nicht in die Wachau. Dafür kommen Pferdefreunde fast überall auf ihre Kosten und in den Sattel, oft zu Erstaunlich niedrigen Preisen.

Mag es auch an Badestränden mangeln, so wetteifern doch die Schönheiten der Natur allenthalben mit denen der Kunst, in Krems (das früher einmal Crembs hieß), in Dürnstein, Göttweig, Melk. Die Nibelungenstadt Pöchlarn, das „Bechclaren“ des Nibelungenliedes, wo der Maler Oskar Kokoschka geboren wurde, ist ja auch nur einen Katzensprung weit entfernt.

So entsteht eine Art Dialog, ein Wechsel von leuchtenden, lockenden und zugleich zurückhaltenden, mächtig stolzen Schlössern, Klöstern, Stiften, „zornigen“ Wehrkirchen und Ruinen – und der Landschaft, den Höhen, Tälern, Schluchten, Wiesen, Gärten, Terrassen. Und das nicht nur an strahlenden Sommertagen, sondern auch bei bedecktem Himmel. Die Hügel und Berge sind von Erlen, Silberweiden, Eschen, Pappeln bestanden, zwischen ihnen leben noch Rehe, Fasane, Höckerschwäne, Fischreiher. Die Berge mit ihren rundlichen, sanften Kuppen über den unteren Felsmassiven erinnern ein wenig an Hennen, die über ihren Nestern hocken. Und unten im Tal dann die Rebstöcke, eine hellgrün-heitere, etwas wellige „Horizontale“ in Grünvariationen und malerischen Effekten.

Ein elf Zentimeter großes, aus der Wachau stammendes Weibchen wird für den Touristen besonders angepriesen: eine kleine Kalksteinfigur, die 25 000 Jahre alt ist oder noch älter, die sogenannte „Venus von Willendorf“. Das Original und eine Kopie sind im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen – in der Stadt, die einst weit unbedeutender war als Crembs. Es gibt noch eine zweite Venus, aus Mammutbein. Das wären somit die ältesten Funde, die in Österreich (auch „Klösterreich“ genannt) je ausgegraben wurden – wenn da nicht ein kleiner Haken wäre: Prähistoriker sollen gelegentlich von Fälschungen flüstern ...