Das Kölner Theater-Festival ist gerettet. Wird das Münchner Theater-Festival vernichtet?

Theaterfestival in Gefahr! Was vor Wochen noch ein Notruf war, ist inzwischen ein Teil des Prologs: Das „Theater der Nationen“ kann (zwei Jahre nach seinem Start in Hamburg) im Juni in Köln fortgesetzt werden. Der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln zahlen je eine Million Mark für das Fest. Damit ist es gerettet.

Als am Rhein die Entscheidung für das Kölner Festival fiel, war in München ein Notruf zu hören: Theaterfestival in Gefahr! Kurz vor Weihnachten wurde das Fünfte Internationale Festival des Freien Theaters in München abgesagt, vorerst und für zwei Jahre. Sprachregelung der Presseerklärung (Überschrift „Theaterfestival ganzjährig“): „Das Festival des freien Theaters wird im Jahre 1981 eine neue Form erhalten... wird erstmals sozusagen das ganze Jahr durchgehend geöffnet haben.“ Eine merkwürdige Umschreibung dafür, daß es geschlossen hat.

Als die Entscheidung gegen das Münchner Festival fiel, begannen auf einem alten Kasernengelände im Münchner Norden Bauarbeiten: Aus einer leerstehenden Halle, der „Alabama-Halle“, soll ein Kulturzentrum werden. Ein Konzertprogramm mit Theaterintermezzi soll das Theaterfestival ersetzen. Jedes Jahr im Juni vierzehn Tage lang von mittags bis Mitternacht: Theater in Zirkuszelten und davor, mit Bierzelt und mit Zirkusgala.

Das Gelände, auf dem die Alabama-Halle steht, gehört inzwischen den Bayerischen Motorenwerken (BMW). Zur Finanzierung des Festivals war im März 1979 ein Verein gegründet worden, der sich als „Spielmotor“ bezeichnet und zur einen Hälfte von der Stadt München, zur anderen Hälfte von den Bayerischen Motorenwerken getragen wird. Mit 350 000 Mark müßte das Theaterfestival bezuschußt werden. Die Vorstandschaft des „Spielmotors“ bedauert: kein Geld mehr. Bis vor kurzem sollte das Festival noch stattfinden, hatten die Mitarbeiter grünes Licht zum Weitermachen. Jetzt wird auf dem alten Kasernengelände im Münchner Norden gebaut. Bis vor kurzem war das Geld noch da. Jetzt ist es weg. Das Geheimnis seines Verschwindens trägt einen exotischen Namen: Alabama!

Wo die Zeltstadt stand und die makrobiotischen Würstchenbuden den Weg von der Trambahn-Haltestelle zu den Theaterattraktionen zeigten, wird auch gebaut. Der Münchner Olympiapark ist in den nächsten beiden Jahren keine Gegend für Theater. Thomas Petz, der künstlerische Leiter, hat andere Plätze für die Zelte vorgeschlagen und deren Eignung nachgewiesen. Aber für den „Spielmotor“ gibt es nur noch einen Platz: die Alabama-Halle. Dort wird die BMW-Kulturförderung das ganze Jahr über für BMW werben (und nicht nur vierzehn Tage lang wie beim Münchner Theaterfestival). Jetzt weiß man auch, was ein „Spielmotor“ ist: kein Motor für das Spiel, gespielt wird für Motoren.

Erster Vorsitzender des „Spielmotors“ ist der Münchner Kulturreferent Jürgen Kolbe. Er müßte das Theaterfestival gegen die Interessen der Bayerischen Motorenwerke verteidigen. Statt dessen vertritt er die Vorstellungen des Konzerns und fordert die Auflösung des Festivalbüros und aller Arbeitsverträge. Alles scheint längst entschieden. In der unfreiwillig komischen Presseerklärung heißt es: „Im Herbst 1980 fiel die Entscheidung für die Alabama-Halle als ständiger Hort eines neuen Kulturbegriffs im Münchner Norden.“ Aber noch Anfang September sah Jürgen Kolbe (behauptet Thomas Petz) keine Gefahr für das Theaterfestival. Kurz danach wurde die Streichung des Etats bekanntgegeben.

Der „Spielmotor“ scheint fest in der Hand der Bayerischen Motorenwerke. Alabama, das neue Zauberwort, läßt den sonst so aktiven Kulturreferenten die 70 000 Besucher des letzten Festivals und seine Pflichten gegenüber der Stadt vergessen. Wurde er vom Management der Motorenwerke besiegt? Und träumt sich jetzt weit weg: Jürgen Kolbe, Alabama?

Auch ich wäre in den letzten beiden Jahren oft lieber in Alabama gewesen als auf dem Münchner Theaterfestival. Das Erste Festival des Freien Theaters in München war ein subkulturelles Ereignis, das vierte war schon fast nur noch ein Sommerfest. Es gab Anlaß zur Kritik: an der Zeltidylle, an mangelhafter konzeptioneller Arbeit der Festivalleitung, an einer fragwürdigen Personalpolitik.

Aber Petz hat neue Vorschläge gemacht: „Nachdem ich drei Monate lang vergeblich versucht habe, den Verein ‚Spielmotor‘ zu sachlichen Entscheidungen für die Zukunft des Theaterfestivals zu bewegen und dafür etliche Konzeptionsvorschläge gemacht habe ..., die alle unbeantwortet blieben, bin ich am 29. September einstweilen von meiner Funktion als künstlerischer Leiter zurückgetreten.“

Petz wollte das Superfestival wieder verkleinern, nur noch in zwei Zelten und auch wieder im Theater spielen. Werner Schroeter hätte Jean Genets „Zofen“ inszenieren sollen, Andras Fricsay mit seiner Gruppe „Zauberflöte“ Schillers „Kabale und Liebe“, Pina Bausch war für eine Musical-Inszenierung engagiert und (wie in Köln) hätte Patrice Chereau mit Ibsens „Peer Gynt“ gastiert. Das soll nun ausfallen, damit im Münchner Norden ein neuer Kulturbegriff seinen Hort bekommt? Es steht zu befürchten, daß das Theaterfestival noch in seiner schlechtesten Verfassung besser, war, als die BMW-Kultur in der Alabama-Halle je werden könnte.

Thomas Petz hat Vorschläge gemacht, die Kolbe beantworten sollte. Er muß mit Petz nicht nur über Gelder, Spielorte und Konzeptionen sprechen: Es steht auch ein Gespräch über Personen an. Hans-Georg Berger, der zweite Mann an der Festivalspitze, darf nicht länger das Sagen haben (oder gar zum ersten Mann werden). Thomas Petz sollte die Idyllenmacher durch Köpfe ersetzen. Der Kulturreferent muß dringend seinen Alabama-Urlaub abbrechen und nach München zurückkehren. Es muß 1981 das Fünfte Internationale Festival des Freien Theaters in München stattfinden.

Helmut Schödel