Von Karl-Heinz Janßen

Warum ausgerechnet im Jahre 1981 christlicher Zeitrechnung in Westberlin eine Preußen-Ausstellung inszeniert werden muß, das wissen die Götter. Die verantwortlichen Gestalter von der Berliner Festspiele GmbH beteuern glaubwürdig, daß sie nicht unter Kalenderzwang handeln. Der 200. Geburtstag des preußischen Baumeisters Karl-Friedrich Schinkel kann der einzige Anlaß nicht sein – dazu hätte die ohnehin geplante Ausstellung seiner Bilder genügt. Andere Daten, die man eilfertig zusammengetragen hat, machen noch weniger Sinn: das 100. Jubiläum der Berliner Elektrischen, der 150. Todestag Hegels oder des Freiherrn vom Stein, die 250. Wiederkehr des Tages, da König Friedrich Wilhelm I. zwanzigtausend protestantische Flüchtlinge aus Salzburg in sein Land ließ. Oder wollte jemand, wie ein Witzbold vermutete, an die vernichtende Niederlage Preußens in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt im Jahre 1806 erinnern – eine Vermutung, die, wie wir sehen werden, gar nicht so abwegig ist.

Als Ursprung des Preußen-Projekts nennt der Berliner Verleger Wolf Jobst Siedler ein langes Abendessen, das Helmut Schmidt Berliner Politikern und Kulturexperten im Herbst 1977 im Kanzlerbungalow gab. Es ging darum, wie man Berlin zu einem neuen Sinn verhelfen könne, nachdem es aller seiner Nachkriegsfunktionen (Insel, Schaufenster, Bollwerk) verlustig gegangen und intellektuell verarmt sei. Die Preußen-Ausstellung als eines der kulturellen Glanzlichter, die man Berlin aufzusetzen gedachte? Andere Teilnehmer des Gesprächs meinen sich zu entsinnen, daß der Kanzler sich zur Preußen-Idee eher skeptisch verhielt.

Aber diesen Stein hatte schon einige Monate zuvor der neue Regierende Berliner Bürgermeister Dietrich Stobbe ins Wasser geworfen, wo er seine Ringe zog. Vielleicht mögen die Besucherrekorde der Stuttgarter Staufer-Ausstellung seinen Neid geweckt haben; auch ärgerte es ihn, daß aus dem Plan des Künstlers Christo, den Reichstag zu verpacken, nichts geworden war. Warum also nicht in das Reichstagsgebäude eine Preußen-Ausstellung legen, zumal die dort gezeigte Ausstellung „Fragen an die deutsche Geschichte“ bald auslaufen würde? Auch eine solche Veranstaltung könne doch zur Auseinandersetzung mit dem Wollot-Bau, dem einstigen Sitz des deutschen Parlaments, reizen.

Noch war dieser Gedanke kaum ausgegoren, da bemächtigte sich seiner bereits die Springer-Presse. Franz Josef Strauß, der sich selber als „letzter Preuße“ fühlt, ließ sich sogleich vernehmen, diese Ausstellung dürfe kein „ideologisch gestimmtes Zerrbild“ vermitteln. Der württembergische Sozialdemokrat Erhard Eppler stimmte zweideutig ein: die preußische Tradition liege uns noch näher als die der Staufer. Und Professor Werner Knopp, Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, schlug ein Leitmotiv an, das mittlerweile zum geflügelten Wort geworden ist: Die Ausstellung dürfe kein „Preußentempel“, aber auch kein „Gerichtssaal“ werden.

Stobbe, dem inzwischen klargeworden war, daß ihm die ganze Welt bei diesem heiklen Vorhaben auf die Finger schauen werde, trieb das Projekt nun zielbewußt voran. Die Millionenkosten wurden überschlagen, eine gründliche, mehrjährige Vorbereitungszeit ins Auge gefaßt, schließlich ein internationaler Beirat berufen. Ein Lenkungsausschuß unter Kultursenator Dieter Sauberzweig legte den Ausstellungstermin auf das sich gerade anbietende Schinkeljahr.

Vom Reichstag war nicht länger die Rede; als Ausstellungsort wurde nun der sogenannte Gropius-Bau bestimmt, das im Krieg ausgebrannte und danach ausgefledderte ehemalige Museum für Kunst und Gewerbe, einer der bedeutendsten Bauten aus der Schinkel-Schule. Er mußte allerdings erst noch für 45 Millionen Mark (aus der Bundeskasse) renoviert werden; allein darum, städtebaulich wie kulturhistorisch, hat sich die ganze Sache bereits gelohnt. Diese Ortsbestimmung an der Stresemannstraße war überdies ein kühner Griff mitten in die herzzerreißende Geschichte der zerrissenen einstigen Reichshauptstadt: Der alte Eingang zum Museum ist durch die Mauer verbaut; gleich drüben liegt das einstige Preußische Abgeordnetenhaus; in der Nähe der Portikus des durch Bomben und Bagger zerstörten Anhalter Bahnhofs und – die Prinz-Albrecht-Straße, wo die Gestapo ihr Unwesen trieb.