Noch vor wenigen Wochen galt die Aktie der Neckermann Versand AG, Frankfurt, in Kreisen von Börsenspekulanten als eine Art Geheimtip. Nicht, weil jemand sich über die kritische Ertragslage des Frankfurter Versandhändlers Illusionen machte, sondern weil angeblich der Großaktionär Karstadt seinen Mehrheitsbesitz über Börsenkäufe auf eine Dreiviertelmehrheit aufstocken wollte.

Völlig schief lagen die Spekulanten nicht. Tatsächlich wird die Karstadt AG demnächst wohl über mehr als 75 Prozent des 137,4 Millionen Mark betragenden Neckermann-Aktienkapitals verfügen. Sie will die fehlenden Papiere aber nicht über kostspielige Börsenkäufe erwerben, sondern durch ein schlichtes Abfindungsangebot an die freien Aktionäre. Danach wird das Neckermann-Kapital zum zweitenmal zusammengelegt und anschließend wieder aufgestockt. Karstadt will von nun an die Sanierungslast bei Neckermann allein tragen.

Als beliebtes Spekulationspapier, das die Neckermann-Aktie seit ihrer Börseneinführung im Jahre 1963 war, wird sie nun an Bedeutung verlieren. Wieder einmal, wird der Abschied von einer Aktie eingeläutet.

Seriöse Anleger hatten mit ihr nie viel im Sinn. Für sie war das Neckermann-Papier mit schwerwiegenden Geburtsfehlern behaftet. Wenn sich ein Mann wie der alte Friedrich Flick aus einer bisher zu einem großen Teil von ihm finanzierten Gesellschaft zurückzieht und für ihn "kleine Aktionäre" in die Bresche springen sollen, dann müsse dies zu denken geben, warnten schon 1963 Kundenberater der Banken. Die Haare in der Suppe wurden denn auch bereits in der Gesellschaftskonstruktion sichtbar. Josef Neckermann gründete seinen Versandhandel nicht in eine schlichte Aktiengesellschaft um, sondern machte aus ihm eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, mit ihm und seinem Sohn Peter als "persönlich haftende Gesellschafter". Damit blieb der Familieneinfluß ungeschmälert; das Unternehmen sollte ein "Erbhof" für die Neckermanns werden. Den neuen Aktionären war lediglich eine (lästige) Statistenrolle zugedacht.

Der Interessenkonflikt wurde deutlich, als die Neckermanns eine Geschäftspolitik zu treiben begannen, die Umsatz vor Ertrag stellten. Zum ersten großen Krach kam es auf der Hauptversammlung im Jahre 1970, als Josef Neckermann damals noch Mehrheitsaktionär, eine Dividendensenkung von zwölf auf vier Prozent vertreten mußte. Auf zwölf Prozent ist Neckermann später nie wieder gekommen. Mit dem Geschäftsjahr 1975 war das Dividendenzahlen ohnehin vorbei.

Damals bestand Neckermann gerade 25 Jahre. Zum Jubiläum wurden die Preise bei Neckermann zwölf Tage lang um 10 Prozent gesenkt, was zwar einen Umsatzzuwachs von mehr als hundert Millionen Mark brachte, aber gleichzeitig die Margen so einengte, daß ein Kollaps des Gesamtunternehmen eintrat. Mit solchen und ähnlichen Entschlüssen hat der "Herr im Hause", Josef Neckermann, seinen Laden nach und nach an den Abgrund geführt. Seine privaten Ambitionen ließen ihm schließlich immer wenige Zeit, sich um das Unternehmen zu kümmern.

Dividendenschwankungen, Kapitalerhöhungen sowie Spekulationen, die im Zusammenhang mit dem plötzlichen Auftauchen eines bis dahin unbekannten Offenbacher Bauunternehmers Karl-Heinz Freese als Besitzer eines Neckermann-Aktienpaketes von 25 Prozent angestellt wurden, sorgten immer wieder für beträchtliche Kursschwankungen, an denen sich trefflich verdienen ließ, so lange man nicht "auf dem falschen Fuß" erwischt wurde, wie es in der Börsensprache heißt.