Die einstufige Juristenausbildung ist noch im Experimentierstadium

Von Werner Birkenmaier

Vor zehn Jahren, auf dem 48. Deutschen Juristentag in Mainz, der sich unter anderem mit der Reform der juristischen Ausbildung beschäftigte, hatte ein Richter gesagt: „Ich bin ein Jurist, deshalb interessiert mich nur die Norm und nicht die soziale Wirklichkeit.“ Es gab ihn damals also noch, Windscheids „Juristen als solchen“. Sicher gibt es ihn auch heute noch, aber er ist selten geworden. Heutzutage genügt es nicht mehr, daß der Jurist das Gesetz und nur das Gesetz kennt. Das Gesetz ist eine Norm, die auf die Wirklichkeit einwirkt; Norm und Wirklichkeit stehen in einer Wechselwirkung, weshalb der Jurist, der das Recht sinnvoll anwenden will, beide Bereiche kennen muß.

Die Norm lernt er während des Studiums kennen, von ihrer Einwirkung auf die Wirklichkeit erfährt er dagegen so gut wie nichts. Wer darüber Unbehagen empfindet, ist auf Selbsthilfe angewiesen; eine Folge der überkommenen zweiphasigen Ausbildung, die Theorie und Praxis in Universitätsstudium, und praktischen Vorbereitungsdienst trennt, ein Fehler, vor dem schon 1840 der Rechtslehrer Savigny gewarnt hat: „Wo die Trennung zwischen Theorie und Praxis eine absolute wird, da entsteht unvermeidlich die Gefahr, daß die Theorie zu einem leeren Spiel, die Praxis zu einem bloßen Handwerk herabsinke.“

Um diesen Fehler zu Handwerk hatte im November 1968 der Loccumer Arbeitskreis für Juristenausbildung, dem der Frankfurter Rechtsprofessor Wiethölter, der damalige Frankfurter Landgerichtspräsident Wassermann, der Hamburger Wissenschaftliche Assistent Bull sowie der Hamburger Oberlandesgerichtspräsident Stiebeier angehörten, vorgeschlagen, Theorie und Praxis in einem einstufigen Ausbildungsgang zu verbinden.

Vergleichbar dem Medizinstudenten sollte der angehende Jurist sich von Anfang an „ans Krankenbett begeben“. In dieser Ausbildung sollte der Student vor allem die Beziehung zwischen Recht und Wirklichkeit erfassen. „Das Recht“, so meinte Stiebeler, „führt kein Eigenleben unabhängig von den gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern erwächst aus den gesellschaftlichen Verhältnissen als ein Teil von ihnen.“ Es seien daher zweierlei Lehrveranstaltungen anzubieten, solche in denen – bei Wahrung der Methodenreinheit – die Gesellschaft durch das Fenster des Rechts betrachtet, als auch jene, in denen das Recht durch das Fenster der Gesellschaft betrachtet werde. Mit anderen Worten: der Jurist sollte befähigt werden, sich und sein Tun kritisch „von außen“ selber zu sehen. Dementsprechend forderte Stiebeier nicht nur eine Verzahnung von Theorie und Praxis nach dem Motto: von der Universität in den Gerichtssaal und zurück in die Universität (die sich allerdings nur in Stadtstaaten reibungslos verwirklichen läßt), sondern auch die Einbeziehung der Sozialwissenschaften in die Juristenausbildung.

Zwei Grundrichtungen