Essen wir uns wirklich krank? Die Ernährungsforschung revidiert Schreckensmeldungen von gestern

Von Stefan Gergely

Die Hochburgen der Schleckermäuler, Wiens Konditoreien, ziert seit kurzem ein provozierendes Plakat: „Wenn alles wahr ist, was bisher über Ernährung geschrieben wurde, dann dürften Sie überhaupt nichts mehr essen.“ In der Tat: Tagaus tagein werden wir mit giftigen Meldungen über unser täglich Brot traktiert, die einem die Lust am Essen und Trinken gründlich vergällen könnten.

Die 200 Millionen Kilogramm überflüssiges Wabbel-Fett auf deutschen Bäuchen seien schuld an Zuckerkrankheit, Bluthochdruck und Herzinfarkt, so heißt es. Da wir angeblich nicht nur zu viel, sondern auch zu einseitig essen, unmäßig Alkohol trinken, rauchen und zu oft faulenzen, müßten – so rechnen Gesundheitsexperten vor – Krankenkassen und Staat jährlich 17 Milliarden Mark zusätzlich ausgeben: der Preis für Folgeschäden „krankmachender“ Ernährung.

Auch die einzelnen Lebensmittel enthalten angeblich Schlimmes. Im Pökelfleisch stecke krebserregendes Nitrit, Kälber würden mit schädlichen Östrogenen hochgepäppelt, und der Silvesterkarpfen sei angereichert mit giftigen Schwermetallen. Auf Butter sollte möglichst verzichtet werden, führe doch Cholesterin zu Arteriosklerose; aber auch Margarine sei gefährlich, weil deren hochungesättigte Fettsäuren im Tierversuch Krebs erzeugten. Süßigkeiten seien schuld an den 15 Millionen faulen Zähnen, die Deutschlands Zahnärzte jährlich flicken müssen. Die Alternative – künstliche Süßstoffe – bewirke bösartige Tumore. Weißbrot sei ungesund, weil arm an Vitaminen und Ballaststoffen. Coca-Cola enthalte Phosphat, das Kinder hyperaktiv mache, Speiseeis werde mit allergieerregendem Tartrazin gefärbt. Zigarettenrauch, Kaffee, Räucherschinken, Bier wirkten karzinogen. Sogar im – ach so gesunden – Gemüse nisteten Nitrat (Vorstufe der Nitrosamine), giftiges Blei aus Auspuffgasen und zahllose Pestizide.

Die forschen Versicherungen der Ernährungswirtschaft, noch nie seien ihre Produkte so „sicher“ wie heute gewesen, wirken angesichts solcher Horrormeldungen wie blanker Zynismus. Fressen wir uns also zu Tode?

Drei Millionen Deutsche leiden an Diabetes, etwa dreimal soviele an Bluthochdruck, fünf Millionen haben Gallensteine und mehr als 15 Millionen Übergewicht, zählt der Deutsche Ernährungsbericht 1980 als Beispiele für sogenannte „ernährungsabhängige“ Krankheiten auf. Was aber ist eine „ernährungsabhängige“ Krankheit?