Mathematik ist nichts für Mädchen; Frauen sind unlogisch – solche Vorurteile haben schon unsere Großeltern nicht mehr ernst genommen. Dennoch sind weibliche Mathematikprofessoren äußerst selten, dennoch sind, wie alle mathematischen Schülerwettbewerbe in Ost und West ausweisen, unter den jugendlichen Mathematikgenies die Mädchen unterrepräsentiert.

Das liegt eben daran, so unsere moderne Überzeugung, daß wir den Mädchen in unseren Gesellschaften immer noch Rollen zuweisen, in denen das mathematische Schließen nicht sonderlich gefragt ist. Just diese Überzeugung aber mag ein Vorurteil sein. Denn an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore haben zwei Psychologen, Camilla Benbow und Julian Stanley, herausgefunden, daß höchstwahrscheinlich Frauen für das mathematische Denken weniger talentiertsind als Männer.

Sieben Jahre lang hat das Forscherpaar fast zehntausend Kinder im Alter von 13 bis 15 Jahren mit mathematischen Problemen aller Art getestet. Daß dabei stets unter den Besten die Jungen weit häufiger vertreten waren als die Mädchen, hatte die Wissenschaftler zunächst nicht erstaunt, weil auch sie dies als Folge der anerzogenen Geschlechterrollen betrachteten. Im weiteren Verlauf ihrer Untersuchung richteten Benbow und Stanley an der Universität spezielle Arbeitsgemeinschaften für die Kinder ein, die sich in den Tests als auffallend begabt erwiesen hatten. Bei diesen nicht nur talentierten, sondern vor allem auch stark motivierten Schülerinnen und Schülern schälte sich alsbald eine Spitzengruppe heraus, in der jedoch die Mädchen kaum mehr vertreten waren.

In einer parallelen Studie waren auf gleiche Weise sprachliche Begabungen an Kindern getestet und Spezialkurse für Hochbegabte eingerichtet worden. Doch hier waren die Leistungen unter den Geschlechtern gleich verteilt.

Das Forscherpaar konnte nun nicht mehr umhin, aus seiner Untersuchung zu folgern, daß Knaben von Natur aus mehr Talent zum mathematischen Schließen haben als Mädchen. Bis jetzt hat die Veröffentlichung dieses Resultats in der Wissenschaftszeitschrift Science noch keinen Sturm der Entrüstung provoziert, den vor allem Camilla Benbow von ihren akademischen Geschlechtsgenossinnen erwartet hat, zumal sie selbst ihr Forschungsergebnis als „irgendwie diskriminierend“ empfindet.

Gewiß, das Psychologenpaar aus Baltimore mag noch nicht das letzte Wort über das Geschlecht und die Mathematik gesprochen haben. Kritiker aus dem eigenen Fachbereich haben auch schon Zweifel angemeldet. Doch müßte es uns denn erstaunen, wenn die einzelnen Begabungen unter Männern und Frauen unterschiedlich verteilt wären?

Gewiß nicht. Im Verlauf der Evolution haben sich bei den männlichen und weiblichen Tieren aller Klassen und Arten unterschiedliche Fähigkeiten entwickelt, weil dies offenbar einen Vorteil für das Überleben brachte. Nur Humanchauvinisten können die Meinung vertreten, ausgerechnet beim Menschentier sei dies anders gewesen. Freilich hat der Neandertaler kaum eine mathematische Aufgabe lösen müssen. Aber es ist anzunehmen, daß unser Sinn für Zahlen und Figuren, für Folgerichtigkeit und Beweis die Weiterentwicklung einer schlichten animalischen Begabung der Urmänner ist, die besonders sie benötigten, um das Überleben unserer Spezies zu sichern.