Die Fackel kann, komplett als Reprint, zu einer Belastung werden. Man muß sich durch einen nie abreißenden Wortstrom arbeiten, der oftmals von einer Suada nicht zu unterscheiden ist; man muß sich mit obskuren Gestalten, den Kraus’schen Angriffszielen, abmühen, von denen Saiten, Zifferer und Großmann noch die prominentesten sind. Ein Wiederholungszwang, ja ein Denk-Stakkato beherrscht die Bände, das, sofern es gegen die Wiener Zeitungen geht, vor einer Allianz mit Reaktionären und Antisemiten nicht zurückschreckt. Selbst der Dreyfuss-Prozeß war in Kraus’ Augen nur ein Vorwand für die Neue Freie Presse, sich ins rechte Licht zu rücken. Später ruft er, angewidert von Piscators Inszenierung der „Räuber“, die Rechten und die Nationalisten herbei. Harmlos scheint dagegen die verbale Putzsucht, die sein literarisches Ego bestimmt.

Dergleichen sollte man vorausschicken, weil Kraus in einem fort Gefahr läuft, das zu werden, was er sich fraglos verbeten hätte: eine Kultfigur der heutigen Zifferer. Weder war sein Urteil frei von Idiosynkrasien noch sein moralischer Anspruch unfehlbar. Das allerdings ändert nichts – an der Bravour seiner Polemiken, gegen Harden, gegen Bekessy, Hans Habes Vater, oder gegen Alfred Kerr, bei denen das Recht auf seiner Seite war. Eine Auswahl seiner Schriften kann von Kraus, indem sie lediglich die Glanzstücke versammelt, ein wirksameres und treffenderes Bild vermitteln als das Konvolut seiner gesamten Prosa. Kraus liest man heute am besten nach dem Rosinen-System.

Hans Wollschlägers Anthologie ist in dieser Hinsicht vorbildlich. Die großen Polemiken, die richtige gegen Kerr, die falsche gegen Heine, fehlen zwar, dafür aber sind bezeichnende Stücke wie „Sittlichkeit und Kriminalität“, „Der Biberpelz“, „Elegie auf den Tod eines Lautes“ oder „Für Hildegard Scheller“ abgedruckt. Kraus zeigt hier eine Eigenart, die manche der mäanderartigen Sätze in der Fackel verbergen: eine Verletzlichkeit, die in Empörung umschlägt und sich deshalb ihrer Schwäche wehrt, weil andere, die Richtenden zumal, Macht in den Händen halten, die sie mißbrauchen. In den besten seiner Texte sieht es so aus, als stände Kraus auf verlorenem Posten. Gerade daraus aber bezieht er, denn ein gewonnener Posten wäre ehrenrührig in der Wiener Welt der Concordia, des Feuilletons, der – schreibenden Frontkämpferinnen und der musischen Kaufleute, seine Autorität. Die Ausfälle gegen den Krieg haben nichts von ihrer Wirkung eingebüßt. Schließlich hat Kraus unermüdlich auf eine verkommene Sprache als Symptom einer verkommenen Gesellschaft hingewiesen.

So ketzerisch es klingen mag: man wird den Eindruck nicht los, daß er im Grunde ein Aphoristiker war, der sich zu Weitschweifigkeiten hat hinreißen lassen. In seiner Prosa findet man immer wieder brillante und sich selbst genügende Sätze, die dem Ganzen einen Halt bieten. Wo er sie frei stehen läßt, in „Pro domo et mundo“ oder in „Nachts“ ist Kraus unübertroffen. Eine Probe aufs Exempel: „Kein Zweifel, der Hund ist treu. Aber sollen wir uns deshalb ein Beispiel an ihm nehmen? Er ist doch dem Menschen treu und nicht dem Hund.“ Oder: „Die Nächstenliebe ist nicht die beste, aber immerhin die bequemste

(detebe 219, Diogenes Verlag, Zürich, 1980; 419 S., 14,80 DM.) Hans Platschek