Der Vatikan und Warschau: in der polnischen Krise bewährt sich Roms Ostpolitik

Von Hansjakob Stehle

Am 14. Januar wird Papst Johannes Paul II. seinen Landsmann Lech Walesa empfangen. Der Kirche ist daran gelegen, das polnische Machtvakuum zu füllen – auch zum Beweis, daß Sozialismus und Katholizismus in friedlicher Form miteinander auskommen können.

Nicht zur politischen Pilgerfahrt, sondern möglichst nur zu einer religiösen soll Mitte Januar die Romreise Lech Walesas werden: so jedenfalls möchte der polnische Kardinalprimas Wyszynski den ersten Westbesuch des polnischen Gewerkschaftsführers und Volkstribunen programmieren. Obschon Walesa einer Einladung der italienischen Gewerkschaften folgt (auch der größten, der kommunistischen CGIL) und dadurch die polnische Solidarność politischen Rückhalt gewinnen könnte, will Polens Kirche "ihren" Walesa auch in Rom nicht von der Hand lassen. Selbst den Flug zahlt ihm der Kardinal. Er hat seinen Sekretär Orszulik schon zehn Tage vorher nach Rom geschickt, um den Vorrang der Kirche bei diesem Ereignis zu sichern.

Wird die "Klerikalierung" der Demokratisierungsbewegung einen Höhepunkt erreichen? So argwöhnen jetzt sogar manche Polen im Vatikan, die sich mit dem Papst darin einig wissen, daß ein gehöriger Abstand zwischen Kirche und Politik beiden, auch ihrem Einvernehmen, bekömmlich ist. Die römische Kurie beteiligt sich nicht an der Italienreise Walesas. Für sie gibt es da nichts als einen Audienztermin: Am 14. Januar empfängt Johannes Paul II. seinen berühmten Landsmann wie jeden anderen prominenten Besucher. Doch selbst wenn kein Wort durch die Türen der päpstlichen Privatbibliothek dringen sollte, wird man sicher sein können, daß der polnische Pontifex seine patriotischen Gefühle mit der römischen Kirchenräson in vollen Einklang zu bringen versteht.

Keine subversiven Rivalen

Denn bei all seiner Abneigung gegen das "allzu Politische" hat er – und mit ihm die Kuriendiplomatie – durchaus begriffen, daß es gegenwärtig im Lebensinteresse der polnischen Kirche liegt, das entstandene Machtvakuum im Lande mit eigenen kontrollierbaren "Ordnungskräften" zu füllen, statt es dem riskanten Vorwärtsdrängen liberaler Geister oder gar einer drohenden Anarchie zu überlassen. In dieser Sorge trifft sich Wyszynskis Strategie durchaus mit der vatikanischer Ostpolitik. Denn diese ist langfristig darauf angelegt, atheistische Regime zu überzeugen, daß Religion und Kirche nicht subversive Rivalen, sondern Faktoren innerer Ruhe sein können – wenn man sie in Ruhe läßt. Was Wyszynski zur "Rettung des Vaterlandes" für nötig hält, gehört zu den eigenen Versuchen des Vatikans, Moskaus grundsätzliches Mißtrauen zu beschwichtigen.