Im letzten Kapitel seiner Autobiographie „Each man in his time“ zählt er die Freunde auf, die lange vor ihm gestorben waren: Humphrey Bogart 1957, Errol Flynn 1959, Clark Gable 1960, Gary Cooper 1961. Mit Bogart hatte er getrunken, mit Gable und Cooper gejagt, mit Flynn war er oft gesegelt. Er spürte, daß es mit dem Glanz von Hollywood zu Ende ging, daß es niemanden geben würde, der die Giganten von einst ersetzen könnte: „Dieses Land, genannt Hollywood, war eine mythische Abstraktion ohne geographische Begrenzungen ... Ich sah seine Geburt, sein goldenes Zeitalter, die Jahre seines Niedergangs. Wir waren nie die Lotus-Esser der Legende. Wir leisteten eine endlose Anstrengung harter Arbeit unter heißen Scheinwerfern und unter sengender Sonne, im Schnee und im Regen, überall, wohin die Arbeit uns brachte – selbst mit der Kamera auf einer treibenden Eisscholle.“

Raoul Walsh, der 1887 in New York geboren wurde und nie den Stolz auf seine irische Abstammung verlor, war einer der großen Abenteurer des Kinos: ein waghalsiger Individualist, der schon 1912 im Auftrag seines Mentors David Wark Griffith mit der Kamera zu den mexikanischen Rebellen des Pancho Villa reiste, der immer die Gefahren unwirtlicher Gegenden (von den Sümpfen Floridas bis zu den Eiswüsten Alaskas) dem ruhigen Leben im Atelier vorzog. 1929 verlor er bei den Dreharbeiten zu seinem ersten Tonfilm „In Old Arizona“ sein rechtes Auge. Danach sah er vollends aus wie ein Western-Pirat: unter dem breitkrempigen Stetson die schwarze Augenklappe, dazu ein Halstuch, grobe Jeans-Kluft, Cowboy-Stiefel. Er konnte lächeln wie ein Glücksspieler aus dem tiefen Süden, trinken wie ein irischer Kneipenwirt, aber sein wiegender Gang war der eines Seemanns.

Raoul Walsh liebte das Meer. Er war ein Romantiker. Unvergeßlich die letzte Einstellung in „The World in his Arms“ (Sturmfahrt nach Alaska, 1952). Engumschlungen stehen Gregory Peck und Ann Blyth am Steuerrad eines Schiffes. Ein großer Plan ist gescheitert, aber einer sagt: „Was soll er mit Alaska, wenn er die Welt in seinen Armen hält?“ Die Helden von Raoul Walsh gehen immer aufs Ganze, kein Risiko ist ihnen zu hoch, kein Weg zu weit. Und selbst im Untergang bewahren sie eine Art von perverser Größe: Errol Flynn als Kavallerie-General George Armstrong Custer in dem Western „They Died With Their Boots On“ (1941), James Cagney als neurotischer Gangster Cody Jarrett in „White Heat“ (Maschinenpistolen, 1949), der sich am Ende, eingezingelt auf einem riesigen Gas-Tank, selber in die Luft jagt. „Made it, Ma, top of the world.“

Lange vor Samuel Fuller, der ihm viel verdankt, stellte Walsh extreme Charaktere in extreme Situationen: den tragischen Gangster Humphrey Bogart in „High Sierra“ (1941), den von Chimären gelten Westerner Robert Mitchum in „Pursued“ (1949). Kühle Professionals wie die Helden von Howard Hawks waren seine Figuren nie: eher getrieben von einer – manchmal krankhaften – Sucht nach dem Unbekannten, nach der Herausforderung. So blieb der Romantizismus des Raoul Walsh stets gebrochen, gezeichnet von Vergeblichkeit.

Nicht einmal er selber wußte, wieviele Filme er gedreht hat, mit Sicherheit weit über hundert zwischen 1912 und 1964 („A Distant Trumpet“). Für Griffith spielte er 1915 Abraham Lincolns Mörder John Wilkes Booth (einen Schauspieler) in „Birth of a Nation“. Schon in den zwanziger Jahren zählte er zu den Spitzenregisseuren Hollywoods. Unter seiner Anleitung spielte Douglas Fairbanks 1924 den „Dieb von Bagdad“, sechs Jahre später entdeckte er John Wayne für den Western „The Big Trail“.

Western, Gangsterfilme, Komödien, Kriegsfilme: kaum ein Genre des amerikanischen Kinos dem Walshs Lust am Geschichten erzählen nicht zugute kam. „Raoul läßt niemals eine Gelegenheit aus, dem Publikum eine gute Abend-Unterhaltung zu bieten“, schrieb sein französischer Bewunderer Claude Chabrol. Und meinte das Tempo, den Humor, die schnörkellose Zielstrebigkeit von Inszenierungen, die Raoul Walsh selber so beschrieben hat: „Action. Action. Action. Das war das Thema der ersten Filme, und das ist das Thema der Filme, die heute Erfolg haben. Die Leinwand soll ohne Unterlaß mit Ereignissen gefüllt sein. Logische Sachen in einer logischen Reihenfolge. Das war immer meine Regel – eine Regel, die ich nie zu ändern brauchte.“ Einmal hat er auch gesagt: „Es gibt nur eine Art, einen Mann zu zeigen, wie er ein Zimmer betritt.“

Filmemachen war für ihn ein Job, keine Kunst. In seinem Selbstverständnis glich er Hawks, dessen gelassene Kälte ihm dennoch immer fremd geblieben ist. Er wußte, daß ihm auch schlechte Filme unterlaufen waren (zum Beispiel „Die Nackten und die Toten“, den, ausgerechnet, die ARD am letzten Samstag ihm zu Ehren ins Programm nahm), aber was macht das schon? Wer das Kino liebt, wird viele Figuren von Raoul Walsh nie vergessen: den eleganten Boxer Errol Flynn in „Gentleman Jim“ so wenig wie den alternden Südstaaten-Gentlemen Clark Gable in „Band of Angels“ (Hamish, der Sklavenhändler), den kühnen Seefahrer Gregory Peck in „Captain Horatio Hornblower“ so wenig wie den Westerner Joel McCrea in „Colorado Territory“.

Raoul Walsh ist am 31. Dezember 1980 in Hollywood gestorben. Er war 93 Jahre alt. Le Monde überschrieb den Nachruf: „Le dernier géant.“ Der letzte Gigant.

Hans C. Blumenberg