Kränze diverser „Kulturwerke“, Kränze von Organisationen und Vereinen, deren Namen man nie vernommen hatte, Kränze aus Illinois und Oklahoma von einem zu „Doenitz“ amerikanisierten Familienzweig, Kränze, die das „treue, ehrende Angedenken“ gleich der gesamten „Panzertruppe 1935–1945“ oder dieser oder jener „Marinekameradschaft“ signalisieren, Kränze, von denen man ahnt, daß es ihren Stiftern so recht nicht sein kann, wie sie auf Tuchfühlung gleichsam neben anderen plaziert waren, von deren Schleifen nicht Unbeirrbarkeit, sondern Unbelehrbarkeit spricht... Welches Verständnis des Toten, welches Bewußt- und Unbewußtsein der Geschichte – paradieren hier? Ein schlichter Kranz rückt die Wirrnis richtig: „Die Hausgemeinschaft“.

Prototyp des umstrittenen Soldaten

Ein alter Herr, den alle im Hause, in dem er eine Dreizimmerwohnung hatte, und alle im Ort seiner „wunderbaren Höflichkeit“ (wie der Pastor dann in seiner Predigt gesagt hat) und seiner feinen, stillen Art wegen geschätzt hatten, wurde zu Grabe getragen. Freilich, in jüngeren Jahren war er, was er draußen, außerhalb dieses jetzt fein-verschneiten Aumühle, wohl über seinen Tod hinaus bleiben wird: ein Prototyp des umstrittenen deutschen Soldaten.

Karl Dönitz, geboren 1891 in Grünau bei Berlin, gestorben Heiligabend 1980, Crew (was in der Marine soviel wie Offiziersjahrgang bedeutet) 1910, 1916 U-Boot-Kommandant, war im Zweiten Weltkrieg Befehlshaber der U-Boote, von 1943 an Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, und schließlich 23 Tage der von Hitler eingesetzte letzte „Reichspräsident“ der Deutschen; zehn Jahre saß er dann, als Kriegsverbrecher verurteilt, von der „blauen Internationale“ der Marinen dennoch mit Sympathie-Kundgebungen bedacht, in Spandauer Haft. Dumme und kluge Bücher sind über ihn geschrieben worden, die aufschlußreichsten von ihm selbst; aber sein Bild in der Geschichte schwankt wie ein Boot im hohen Seegang.

De mortuis nihil nisi bene. Mir fällt die Lateinstunde ein: Das heißt nicht, daß man über einen Toten nur Gutes sagen müsse; es heißt: man müsse es „auf gute Art und Weise“ tun. Im Gedränge vor der kleinen Kirche und bei „Lange nicht gesehen“-Begrüßungen tauchten die Erinnerungen an die drei, vier Male auf, an denen er uns gegenüberstand; achtzehn, neunzehn, zwanzig Jahre waren wir alt, als wir seine schneidenden, für den Historiker heute zuweilen haarsträubenden Reden hörten. In keiner ging es ohne Kriegsgerichtsfurcht-Schauer ab; und jede infizierte uns mit den Erregern der „Halskrankheit“: den am Halse zu tragenden Orden, das Ritterkreuz, geisterte in unserem blauäugigen Blick.

Mancher sah aus wie ein Bankier

Zwei, drei Dutzend alte Herren trugen es (in hakenkreuzfreier Ausführung) unter dem, Wintermantel. Ist has nicht der...? Nein, der ist schon lange tot. Mancher sah aus wie ein Bankier; na ja, dämlich waren U-Boot-Kommandanten selten. Einem hätte man am liebsten eine alte Mark zustecken wollen. Mein Gott, wie lange das alles her ist! Vier Fünftel der Leute auf dieser Beerdigung waren älter als sechzig, mindestens so viele; und eine Schar von Greisen umlagerte wie Teenager einen braungebrannten, sportlichen Mann mit spärlichem weißem Haar und ließ sich Autogramme auf das Trauerfeier-Programm kritzeln: Hans-Ulrich Rudel. Wo Rudel, der Mann mit dem höchsten deutschen Kriegsorden, ehemals Sturzkampfflieger, sich einfindet, versammelt sich die einsichtslose deutsche Rechte? Ja, die auch. „Aber was kann Dönitz dafür?“ sagte jemand hinter mir.