Von Hansjakob Stehle

Wieder einmal reicht man sich in Rom mit wichtigtuerischem Schaudern den ominösen Satz von Mund zu Mund: "Neapel ist ein Pulverfaß." Die Bürokraten, die in den Espressobars ihre Dienstzeit verkürzen, flüstern es sich zu; die Hausmeister verbreiten es mit der weihnachtlichen Familienpost aus dem Süden; die Redakteure holen die Schlagzeile aus dem Stehsatz.

Und niemand wollte es doch so ganz ernst nehmen. Denn so viele Wege auch nach Rom führen, so einspurig und schmalspurig blieb die Verbindung, die Verständigung der italienischen Hauptstadt mit dem Land, mit seinen Metropolen. Ein Erdbeben mußte kommen, um den zentralen Apparat aus seiner Lethargie, seinem geschäftigen und sooft leerlaufenden innenpolitischen Selbstgespräch zu rütteln und ihn – wenn auch nach einer langen Schrecksekunde – von neuem mit dem uralten, zerredeten "Problem des Südens" zu konfrontieren. Giuseppe Zamberletti, ein ungewöhnlich energischer Beamter, schlug sein Hauptquartier als Katastrophenkommissar der Regierung in Neapel auf – in der Etappe, am Rande der Erdbebenfront, wie er zuerst meinte. Bis ihm dann von Woche zu Woche deutlicher wurde, daß er eben in Neapel auf einer Zeitbombe sitzt, vielleicht sogar auf der gefährlichsten. "Sie kann von einem Augenblick zum anderen explodieren", warnte er kurz vor dem Jahreswechsel bei einem seiner Blitzbesudie in Rom, die die redselige Zentralverwaltung zum Handeln anspornen sollen. "Man muß schnell und gründlich eingreifen", sagt Zamberletti.

Denn Neapel ist nicht – wie es die kleinen Städte und Ortschaften im Zentrum des Unglücksgebietes waren – ein halbwegs normales, wenn auch ärmliches Gemeinwesen, es ist nicht wie diese in Schutt gesunken. Auf den ersten Blick bietet die Stadt das gewohnte und wie immer, selbst für Folklore-Touristen, unheimliche Bild. Doch eben diese seit historischen Zeiten krankhaft aufgeblähte, chaotisch und elend dahinsiechende Millionenstadt, deren sooft prophezeites Sterben dennoch immer einem verzweifelten Überleben ähnlich sah – sie ist von der Naturgewalt wie von einem tödlichen Schlag getroffen worden. Oder sollte auch das wieder nur eine ihrer makabren Selbstinszenierungen sein, mit denen sie ihre ererbten Übel ins grelle Licht der Aktualität rückt?

Auch wer genau hinschaut, vermag die neuen von den alten und uralten Mauerrissen und Brüchigkeiten nur schwer zu unterscheiden. Manchen Gebäuden, die – oft erst nach Wochen – einstürzten, gab das Beben nur den Gnadenstoß, gnadenlos für jene, die unter den Trümmern begraben wurden. In diesen Wohnhöhlen, in den "palazzi" aus neuem schlechtem Beton oder altem Gemäuer, in den "bassi", den stickigen ebenerdigen oder kellerartigen Einraumverliesen – hier sind Hunderttausende von Neapolitanern zu Hause. Und sechs Millionen Ratten (laut amtlicher Schätzung), die – zusammen mit den Katzen, die sie halbwegs in Schach halten – als erste das Erdbeben witterten und die Straßenschluchten verließen. Inzwischen sind sie zurück, aber die Menschen haben zu Zehntausenden das Weite gesucht – meist in nächster Nähe. Sie fanden Unterschlupf bei Verwandten und Freunden, oder sie haben sich unter die chronisch Obdachlosen gemischt: Fünfzehntausend gab es schon vor dem Erdbeben, jetzt registriert man 65 000. Seit sechs Wochen hausen sie in stillgelegten Autobussen, in einigen hundert der siebzehntausend leerstehenden Neubauwohnungen (zum Ärger der Baumafia), in einigen der riesigen, massiven Klöster (deren wenige Mönche, wie sie sagen, nur "der gewaltsamen Invasion" wichen), in 164 Schulen – die Schüler sind ausgesperrt, Schulbänke und Tafeln werden verheizt, Toiletten sind längst verstopft...; das Gespenst der Cholera, die 1973 zuletzt zuschlug, geistert durch vielerlei Ängste.

Eine, in der sich auch Groll anstaut, ist die Furcht, nun auch noch das Existenzminimum zu verlieren. Fast zweihunderttausend Menschen, nahezu die Hälfte der arbeitsfähigen (die ohnehin nur ein Drittel der Neapolitaner bilden), waren schon vor dem Beben arbeitslos oder schlugen sich in der "schwarzen" Untergrundwirtschaft durch, jener "economia sommersa", die in Neapel nie wirklich untertauchte. Sie machte sich ganz offen in den "vicoli", den engen Gassen, breit: Da wurde in licht- und luftlosen Räumen, wo Arbeitstisch, Kochherd und Familienbett nebeneinanderstehen, emsig und scheinbar heiter produziert – zum Beispiel vier Millionen Paar Handschuhe jährlich, auch teure Luxustaschen und -schuhe, billig nur für die Auftraggeber im Norden, die Hungerlöhne zahlten. Ihre Vertreter und Leder anschleppenden halbwüchsigen Helfer in den "quartieri", im berühmt-berüchtigten "spanischen" Viertel, sind verschwunden, ebenso wie die meisten der etwa sechzigtausend Händler mit "contrahendo", Schmuggelware (die der Zoll ungeschoren ließ, um sie vor dem Abrutschen in schwere Kriminalität zu bewahren).

Irgendwie mußte man die Menschen ja stets leben lassen. Und jetzt? Unheimliche Stille herrscht in den meisten der "vicoli" mit ihren rissigen, abgestützten Fassaden und zugenagelten Türen. 223 Gassen und Straßen der Stadt sind gesperrt, während die Hauptschlagadern des Verkehrs, schon bisher heillos überlastet, noch fiebriger pulsieren – einem totalen Infarkt entgegen?