Von Dieter Buhl

Sein erster Tag als Präsident der Europäischen Kommission wurde für Gaston Thorn zu keinem Freudenfest. Morgens noch wartete er auf das Ende einer Operation, der sich seine Frau in einem Pariser Hospital unterzog. Am Nachmittag mußte er mit seinen neuen Kollegen in Brüssel um die Verteilung der Ressorts ringen. Die Krönung seiner Laufbahn, die der europäische Chefposten für den munteren Luxemburger bedeuten soll, kündete diese Premiere sicherlich nicht an. Auch aus anderen Gründen erscheint es fraglich, ob Thorn als Primus im Brüsseler Berlaymont tatsächlich den Gipfel seiner Karriere erklommen hat. Denn nicht nur erwartet ihn jetzt eine Sisyphusaufgabe; es fällt auch schwer, das wichtigste Glied in der langen Kette seiner Ämter und Funktionen herauszufinden.

Gaston Thorn war schon immer ein Mann für viele Gelegenheiten. Darauf wies mit unnachahmlichem Witz auch Henry Kissinger hin, als er einmal während einer Stippvisite in Luxemburg eine Ansprache mit der Bemerkung begann: "Herr Premierminister, ich will nicht noch einmal alle Titel erwähnen, die ich schon auf dem Flughafen genannt habe. Aber ich möchte doch den ‚Religionsminister‘ nicht auslassen." Zusätzlich hätte Kissinger seinen Gastgeber noch einmal anreden können als: Außenminister, Außenhandelsminister, Informationsminister und Sportminister. Doch neben seinen vielfältigen Pflichten zu Hause diente Thorn auch draußen oft als politische Vielzweckwaffe seines Landes. Er präsidierte der UN-Vollversammlung, führte mehrfach den Vorsitz im Europäischen Rat und ist seit zehn Jahren Präsident der Liberalen Internationale.

Die Erfahrungen auf dem internationalen Parkett dürften ihm jetzt in Brüssel zugute kommen. Glanz und Ehren erwarten ihn dort kaum, wohl aber der graue europäische Alltag mit all seinen Feilschereien und Frustrationen. Längst vorbei sind die Zeiten, da die Kommission als "Motor, Wächter und ehrlicher Makler" (Walter Hallstein) der Gemeinschaft galt, und ihr Präsident dementsprechenden Einfluß verkörperte. Beinahe rührend mutet an, wie der fast schon legendäre, erste Kommissionspräsident Hallstein noch vor einigen Jahren ihre Funktionen beschrieb: "das reine Gemeinschaftsinteresse zu verkörpern und zu vertreten, nach innen, besonders den partikularen Gewalten der Mitgliedsstaaten gegenüber, und nach außen – denn die Gemeinschaft soll mit einer Stimme sprechen, nicht mit mehreren".

Heute hallen aus dem Berlaymont statt einer Gemeinschaftsmelodie oft genug nationalstaatliche Dissonanzen wieder. Statt frischer Impulse verbreitet die Kommission schale Richtlinien und Verordnungen. Und obwohl ihr Einfluß weitgehend gebremst wurde, ist sie den meisten Regierungen der Mitgliedsländer ein immer größerer Dorn im Auge, weil sie ständig mehr Geld verlangt.

Wie wenig Ruhm als Präsident zu ernten ist, kann Gaston Thorn am Schicksal seines Vorgängers erkennen. Roy Jenkins war vor vier Jahren mit Zuversicht und Vorschußlorbeeren gestartet. Jetzt wurde er mit mäßigen Noten verabschiedet. Seine Erfolgsbilanz ist mager: Er sicherte sich als erster Vertreter der Kommission einen Platz am Tische des Rates der europäischen Regierungschefs und bei den westlichen Weltwirtschaftsgipfeln; er leistete Unterstützung bei der Geburt des Europäischen Währungssystems und half bei den Neuverhandlungen über die britischen Beitragszahlungen. Diese Verdienste wurden jedoch durch die Folgen fehlender Führungskraft überschattet. Die Kommission driftete auseinander und handelte im Widerspruch zu ihrem Auftrag nach dem Motto: Jeder für sich, keiner für alle.

Ursache dieser Malaise war die Kontaktarmut des Briten. Gegen eine ähnliche Schwäche ist Gaston Thorn gefeit. Als Charmeur und Schlitzohr, Überredungskünstler und Kompromißartist hat er schon oft knifflige Probleme oder hektischen, Streit auf der internationalen Szene überwinden helfen. Seinen Kommissionskollegen ist der sehr dynamische Veteran europäischer Politik zudem von vielen Begegnungen her aufs beste bekannt. "Er ist für sie ein offenes Buch", resümierte ein Europabeamter; dabei blieb offen, ob sie nun Hoffnungsvolles oder Arges darin lesen.