Polen wird dieses Jahr weniger Kohlen liefern als erwartet. Wie hart trifft das die deutschen Kraftwerke?

Hermann Krämer, Vorstandsmitglied der Nordwestdeutschen Kraftwerke AG

  • Der polnische Bergbau hat sein Soll im vergangenen Jahr nicht erfüllt. Für 1981 wird mit einem weiteren Förderungsrückgang gerechnet. Bekommen die Nordwestdeutschen Kraftwerke, die ja wohl der bedeutendste Verbraucher polnischer Kohle in der Bundesrepublik sind, das zu spüren?

Krämer: Annähernd ein Viertel der längerfristigen Importkohlelieferungen für unsere Küstenkraftwerke an Ost- und Nordsee sind durch Verträge mit dem polnischen Bergbaurevier gedeckt. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Volksrepublik Polen haben zum Jahresende einen Lieferrückstand von 30 Prozent verursacht. Zunächst konnten wir durch Rückgriff auf Vorräte beziehungsweise durch Inanspruchnahme von Optionen in anderen Lieferverträgen die entstandenen Versorgungslücken weitgehend schließen.

In diesem Jahr wird der polnische Bergbau alle Anstrengungen unternehmen müssen, um – nach Deckung des heimischen Bedarfs – erneut Steinkohlemengen für den Export bereitstellen zu können. Wir gehen davon aus, daß Polen zumindest seine Vertragsverpflichtungen zu einem großen Teil erfüllen wird, rechnen aber für 1981 mit einem Ausfall von 200 000 bis 300 000 Tonnen Kohle bei der Versorgung unserer Kraftwerke.

  • Sie müssen ja nun Ersatz für die ausfallenden Mengen schaffen. Gibt es da Schwierigkeiten oder wird Kraftwerkskohle auf dem Weltmarkt in Hülle und Fülle angeboten?

Krämer: Eine prompte Ersatzbeschaffung bringt – gewisse Schwierigkeiten – besonders in dieser kalten Jahreszeit – mit sich. Auch andere europäische Kunden der Polen drängen zur Deckung der Ausfallmengen auf den Markt. Die USA, das größte westliche Lieferland, sind zur Zeit durch Überproduktion an Steinkohle in der Lage, die Versorgung zu übernehmen, jedoch führt die nicht ausreichende Transport- und Verladekapazität zu Engpässen, so daß Wartezeiten für Schiffe in nordamerikanischen Häfen derzeit 50–60 Tage betragen. Die übrigen Exportländer sind kurzfristig nicht in der Lage, Mehrmengen zu liefern, mit Ausnahme von England, das einen kleinen Beitrag leistet.