Von Ralf Dahrendorf

In diesen Tagen wird eine neue weltweite Intellektuellen-Organisation gegründet: das Komitee für die Freie Welt. Ausgehend von New York, mit einer Filiale in London und mit Raymond Aron als Ehrenvorsitzendem, sollen 300 weithin bekannte Intellektuelle sich um die Fahne der freien Welt scharen. "Wir sind", heißt es im Gründungsaufruf, "eine Gruppe von Schriftstellern, Künstlern, Redakteuren, Gewerkschaftlern, Wissenschaftlern, Lehrern, Verlegern und anderen; die in verschiedenen Ländern leben. In der Einsicht, daß freie Gesellschaften zunehmend attackiert werden, verbinden wir uns jetzt zu einer gemeinsamen Bemühung, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um der Gefahr zu begegnen."

Man denkt sogleich an den "Kongreß für Kulturelle Freiheit" der Nachkriegszeit. Der große Aufbruch von 1945 verlangte nach Sprechern und Sprachrohren. Der Monat, Encounter, Preuves und andere Zeitschriften stammen aus dieser Zeit und aus diesem Kreis. Der Kongreß für Kulturelle Freiheit hat die aktiven Anhänger der offenen Gesellschaft gesammelt, geprägt und in die Lage versetzt, ihrerseits das Denken der Zeit zu prägen. Der Kongreß war eine Kraft, die ein geistiges Vakuum zu füllen verstand.

Dies anzumerken ist gerade darum wichtig, weil der Kongreß bekanntlich im Sumpf der CIA-Enthüllungen ein wenig aromatisches Ende gefunden hat. Ja, manche der Mittel für den Kongreß kamen vom amerikanischen Geheimdienst. Aber man muß schon ein hartgesottener Verschwörungstheoretiker sein, um zu glauben, daß diese Mittel den Erfolg hervorgebracht haben. Er beruhte vielmehr auf jener Grundstimmung, die Hayeks "Road to Serfdom" zum Bestseller machte und nicht viel später in Poppers "Offener Gesellschaft und ihre Feinde" ihren Kulminationspunkt fand. Es ging um die Herstellung einer intellektuellen Weltöffentlichkeit der freien Diskussion. Diese gelang.

Das war die Zeit von 1945 bis 1950, allenfalls bis 1955. Gewiß hallte der Erfolg der frühen Versuche, die freie Welt des Geistes wiederherzustellen, noch länger nach; aber in den späteren fünfziger und den frühen sechziger Jahren wurde er immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Zugleich begann ein anderes Klima sich auszubreiten, ein Klima der Reform. Für viele Intellektuelle ging es nun nicht mehr um die Verteidigung des freien Dialogs, sondern darum, diesen Dialog, und mit ihm die Publizistik, die öffentliche Diskussion, zu benutzen, um ein neues Thema einzuläuten: nach dem Aufbau den Umbau, nach einer Periode des enormen Aufschwungs nun die Umgestaltung der Strukturen und Institutionen.

Eine aggressive neue Rechte

Was Kennedy als "offene Grenze" begann und Johnson als "große Gesellschaft" fortführte, erschien in Europa zum Beispiel als der vielbesungene britische "Frühling" der Wilson-Wahl von 1964, und als der etwas langsamere Prozeß von der großen Koalition 1966 zur sozial-liberalen Koalition 1969 in der Bundesrepublik. In diesem Jahrzehnt war gleichsam kein Bedarf mehr für den Kongreß für Kulturelle Freiheit; mehr noch, er wurde zum Inbegriff einer Haltung, die vor den notwendigen Reformen stehenbleibt.