Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Januar

Auf der politischen Bühne Frankreichs ist das neue Jahr im Stil einer Schmierenkomödie angelaufen – obwohl der Fünften Republik eigentlich eine ungewöhnliche Premiere bevorsteht. Zum erstenmal in ihrer 23jährigen Geschichte wird sich ein Staatsoberhaupt zur Wiederwahl stellen. Das Vorspiel zu diesem Wahlkampf ist eine comédie française, wie sie verwirrender und lärmender kaum inszeniert werden könnte. Clowns und Intriganten treten auf, Verrat und Kabalen sind im Spiel, Eifersuchtsszenen wechseln mit Liebeswerben, Illusionisten wetteifern mit Propheten des Untergangs.

Die Akteure stellen sich auf den Kopf – aber je eifriger sie das tun, desto reservierter verhält sich das Publikum. Die Dauerberieselung erzeugt Verdruß, Resignation macht sich breit. Vier Monate vor dem Wahlgang wächst die Angst der Franzosen vor der Zukunft im gleichen Maße wie die Betriebsamkeit der Politprofis zunimmt.

Doch so laut schon die Werbetrommeln gerührt werden: Velény Giscard d’Estaing, seit sieben Jahren Hausherr im Elysée-Palast, hat sich noch nicht einmal offiziell erklärt. Madame Giscard ließ gelegentlich wissen, sie sähe ihren Mann lieber öfter zu Hause. Henry, der älteste Sohn, erklärte, sein Vater würde sich eigentlich lieber der Familie und der Literatur widmen als der Politik.

Niemand freilich zweifelt ernsthaft daran, daß der bald 55 Jahre alte Giscard erneut antritt, um sich für ein zweites "Septenat" zu bewerben. Nicht einmal Charles de Gaulle hatte diesen Ehrgeiz. 1958 von 81 000 Wahlmännern zum Staatschef bestellt und 1965 erstmals vom Volk gewählt, dankte er 1969 ab. Sein Nachfolger Georges Pompidou starb im fünften Amtsjahr. Seitdem bestimmt Giscard die Geschicke des Landes – mit guten Aussichten, die Zügel weitere sieben Jahre in der Hand zu behalten.

Ein Spaziergang wird der Wahlkampf für Giscard allerdings nicht werden. Die Zahl der Konkurrenten ist Legion. Vor sieben Jahren stellten sich den Wählern zwölf Kandidaten, heute sind es fast vierzig Bewerber. Viele werden bis zum 26. April, dem Tag des ersten Wahlgangs, auf der Strecke bleiben. Denn das Gesetz verlangt, daß mindestens 500 Volksvertreter, vom Gemeinderat bis zum Abgeordneten, eine Kandidatur mit ihrer Unterschrift unterstützen. Doch vorerst mischen sie alle lautstark mit, die Stars und die Namenlosen, die selbsternannten Einzelkämpfer und die etablierten Parteigrößen. Daß sich überhaupt so viele Bewerber Chancen ausrechnen, liegt nicht zuletzt an Giscard selbst.