Nur wer liebt, kann so hassen. Nur wer Ballett als Ausdrucksmöglichkeit, als Lebensform braucht, kann die Mechanik aller Tanzbewegungen, die Qual ewiger Exercicen, den Schrecken hinter dem schönen Schein so bloßstellen wie die 1940 in Solingen geborene Tänzerin, Choreographin, Ballettmeisterin der Wuppertaler Bühnen, Pina Bausch.

Anders als in Paradoxen kann von der aus der Folkwangschule (Kurt Joos) kommenden Künstlerin und ihrer jetzt zehnjährigen Arbeit in Wuppertal, die Spuren hinterlassen hat vor allem in Aufführungen von Schauspielregisseuren, nicht gesprochen werden. Wer nach dem neuen Tanzabend erklärt, das sei nichts Neues, das kenne man doch von der Bausch – und schon während des Premierenabends verließen viele johlend, pfeifend, Türen schlagend das Theater –, der hat so unrecht nicht. Aber weil sich die Bausch-Ballette zu einer einzigen großen Tanzsuite zusammenfügen und als Thema mit Variationen präsentieren, wird anderes wichtig: die unscheinbaren Veränderungen, zarten Abschattierungen, neuen Inventionen des Gesten- und Bewegungsvokabulars.

Die Bühne: ein Raum von erkältender Häßlichkeit. Gralf-Edzard Habbens riesige Halle summiert die Schrecken eines leeren Wartesaals, einer von kleinen runden Tischen und Stühlen angefüllten Tanzdiele in einem Vorstadtwirtshaus und eines großen Klassenzimmers. Die Wände sind bepflastert mit riesigen, vergilbten Photos von Ringern und Boxern. An der Rückwand steht, schwarz, ein Klavier. Einziges Zeichen, daß dieser von Bildern der Vergangenheit und Assoziationen der Angst erdrückte Raum belebt sein könnte, sind Taschen und Plastiktüten an der Rampe, in denen die 18 Tänzer(innen) der Gruppe privaten Krimskrams aufbewahren.

Habben zitiert nicht einfach Raumvorstellungen, wie sie Pina Bauschs früh gestorbener Mitarbeiter Rolf Borzik entworfen hat: „Café Müller“ (Rundtische, Stühle) oder „Kontakthof“ (leerer Saal, Stühle an den Wänden gereiht). Vergangenheit, mit verblaßten Photos gegenwärtig, wird auch in den Kinderbildern beschworen, die alle Mitglieder für das Programmheft aus dem Familienalbum gesucht haben. Wie nah die ätherisch ästhetische Tanzkunst dem brutalen Kraftsport ist, dessen Muskelhelden in Siegerpose aus den Bilderrahmen grüßen, zeigt gleich die erste Aktion dieses „Tanz“-Abends: Zwei der zartesten Mitglieder des Ensembles, Meryl Tancard im halblangen lila Abendkleid, Dominique Mercy im dunklen Nadelstreifenanzug, gehen freundlich aufeinander zu – und ohrfeigen einander, lächelnd‚ bis beider Backen glühen.

Unerschöpflich ist die Phantasie der Choreographin und ihrer Truppe im Erfinden immer neuer Bilder für die Folter, die Tanz (auch) bedeutet, für die Zerstörung von Menschen durch Drill, für die Verwandlung von Einzelwesen mit, ihrer individuellen Geschichte in zappelnde Keep-smiling-Marionetten. Da treten alle dem im Schneidersitz auf dem Boden hockenden Partner auf Knie und Beine: in hochhackig spitzen Schuhen die Frauen, auf deren bloße Schenkel sich dann Männer stellen. Jan Minarik erzählt und demonstriert, wie handgreiflich seine Prager Tanzmeister die Eleven dazu brachten, das Tanzbein schön zu heben, etwa mit einem brennenden Streichholz unter der Fußsohle.

Kein Wunder, könnte einer der Reigen, in die sich alle wie bei einer Kindergesellschaft stürzen, „Das Selbstmord-Spiel“ heißen: Sie klettern auf Tische, Stühle, aufs Klavier, hängen Schal oder Krawatte über Lampen oder Bilderrahmen – und springen, mit dem Lächeln der Erlösung, hinunter.

Nach dem Muster von Kinder- und Gesellschaftsspielen baut Pina Bausch auch ihren neuen Abend von Tanzcollagen auf. Erst zehn Minuten vor der Premiere wurde für das im Programmheft noch schlicht „Stück“ genannte Spiel ein Name gefunden: „Bandoneon“. So heißt die (nach dem Erfinder Alfred Band genannte) achteckige Ziehharmonika, auf der in Südamerika Volkstänze begleitet werden. „Musik: Tangos“ steht lapidar im Programmheft. Von ihrer Tournee durch Lateinamerika vor einem Jahr hat die Gruppe Bandaufnahmen von jubelnden oder schluchzenden Tangos mitgebracht. Doch erwarte sich niemand den schönen Wahnsinn von Leibern, die im Synkopenrhythmus des Tangos tanzen. Zwar wird auch Tango getanzt – im Sitzen, im Knien – aber Erkennungssignal für diesen Tanzabend, der einen Abend lang Tanz verweigert, ist eine andere Szene.