Von Tratschke

Der Bart, sagen Psychologen – und diese Erkenntnis hatte schon einen Bart, als es Psychologen noch lange nicht gab –, der Bart gilt als Zeichen von Macht und Männlichkeit. Die Schauspielerin Raquel Welsh sagte einmal: „Ein Bart gibt einem Mann Charakter. Er macht ihn sexy. Ich mag keine Männer mit glattrasiertem Gesicht. Fast alle, großen Männer in der Geschichte haben, auch einen großen Bart gehabt.“

Fast alle, sagte sie. Zum Glück! Denn so können Friedrich der Große und Napoleon I., obwohl von Statur klein und ein Leben lang bartlos, weiterhin zu den großen Männern der Geschichte gezählt werden. Und unsere zwei Helmuts – der eine, der noch immer regiert, und der andere, der so gern regieren möchte – müssen nicht ohne Hoffnung leben, auch einmal den Großen zugezählt zu werden. Sie haben ja überdies die Möglichkeit, sich den Bart noch wachsen zu lassen, wie es heute immer mehr deutsche Männer tun.

Vorbilder gibt es mehr, als ein Mann in einem Leben ausprobieren kann. Da finden sich in der Galerie der Manneszierden zum Beispiel die wunderbar gepflegten Vollbärte der Babylonier, Perser und Assyrer, die (oft künstlichen und nur umgehängten) Königsbärte der Ägypter, die lockigen Bärte der Griechen und die hebräischen Patriarchenbärte – ein Bewuchs, hinter dem vor hundert Jahren auch Marx und Engels sich wohlfühlten (und der bei dem Marx-Biographen Raddatz noch nicht die ganze Fülle hat). Da ist der Schnurrbart Karls des Großen, mit dem auch Bismarck sich ein Leben lang zierte und der jetzt als „Seehundsbürste“ wieder sehr beliebt ist, und da sind die gestutzten Bärte der mittelalterlichen deutschen Könige, die nach dem 13., einem bartlosen Jahrhundert, von anderen Formen des Vollbarts abgelöst wurden: waagerecht gestutzt oder in zwei Hälften geteilt oder zum Spitzbart zugeschnitten.

„Es ist erreicht“

Um 1550 wurde der aus Spanien kommende kurze Kinn- nebst Schnurrbart Mode. Im 17. Jahrhundert schrumpfte der Kinnbart zur kleinen „Fliege“, die durch den Knebelbart (auf der Oberlippe) ergänzt wurde, den später Napoleon III. vor allem für Franzosen und Italiener wieder in Mode brachte. Zwischendurch, im 18. Jahrhundert, trug man keinen Bart, so daß es weder einen Kant- noch einen Goethe- oder Schillerbart gibt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam von England der Backenbart nach Deutschland, zunächst in Form von Koteletten, dann als langer Backenbart, danach als umrandende Krause oder Fräse. Unser „alter Kaiser“, Wilhelm I., trug den Backenbart mit ausrasiertem Kinn, wie es auch Kaiser Franz Joseph liebte, während Wilhelms Sohn und Nachfolger, Friedrich III., den zum Vollbart erweiterten Backenbart bevorzugte. Aber dessen Sohn, Kaiser Wilhelm II., entschied sich schon frühzeitig gegen jede Form von Kinn- und Backenhaar zugunsten des hochgezwirbelten Schnurrbarts. Das war der berühmte „Esist-erreicht-Bart“, der ihm ein energisches, kriegerisches, fast martialisches Aussehen gab. Erst im Alter, als Rentner in den Niederlanden, wo er – wie die Legende behauptet – so gern Holz spaltete, ließ er seinem Zwirbelschnurrbart einen leicht gerundeten Spitzbart nachwachsen, was ihn sehr viel friedlicher aussehen ließ.