Auch Zar Peter, der sich den Beinamen „der Große“ zulegte, machte das, und zwar mit den Würdenträgern der Bojaren. Peter wollte die Bojaren nicht beleidigen. Er fand es nur unzeitgemäß, noch mit so langen Bärten umherzulaufen, wie die Bojaren es seit eh und je taten. Peter war gerade aus den Niederlanden, wo er Schiffbau und anderes studiert hatte, nach Rußland zurückgekehrt, und er hatte sich vorgenommen, die altrussische Welt zu modernisieren. Bei den Bärten der Bojaren fing er an. Aber vielleicht brauchte er in Wahrheit nur Geld: Wer seinen Bart behalten wollte, mußte dafür Steuern zahlen. Viele Bojaren sahen darin das kleinere Übel. Denn auch bei ihnen galt: Wer den Bart verliert, ist ohne Kraft und Ansehen.

Nur den Geistlichen erlaubte Peter, die Bärte zu behalten, ohne dafür Steuern zahlen zu müssen. Noch heute tragen griechisch-orthodoxe Priester und Mönche lange Bärte. Bei Priestern und Klosterleuten der römisch-katholischen Kirche hingegen sind Bärte nur mit besonderer Erlaubnis zugelassen. Eine grundsätzliche Erlaubnis zum Tragen eines Bartes haben allein Kapuziner und Angehörige des Missionsklerus. Im übrigen gilt für die katholische Geistlichkeit der Grundsatz: Nur wer bereit ist, Bart (und Haar) Gott freiwillig zu opfern, vertraut voll und ganz dessen Schutz:

Ein Priester soll eben kein „Schönbart“ sein, was einem evangelischen Geistlichen allerdings nicht verwehrt ist. Diesem ist erlaubt, sich nach seinem oder seiner Frau Geschmack (und nach Veranlagung) mit einem Flachs-, Stroh-, Moos-, Stutz-, Eisen-, Grau-, Rot-, Bocks- oder Ziegenbart zu schmücken. Zwar darf er nicht „bei seinem Barte“ schwören, wie es die Moslems beim Barte des Propheten tun, aber er darf „in den Bart murmeln“, und man kann ihm „etwas in den Bart reiben“ oder ihm „um den Bart gehen“.

Für „göttliche Informationen“

Eigentlich ist die Frage, was nun besser sei, mit oder ohne Bart zu leben, ein „Streit um des Kaisers Bart“, mag dieser auch so lang sein wie der des alten Barbarossa im Kyffhäuser, der längst durch den Tisch gewachsen ist. Es sei denn, es handelt sich um einen Bart, der mehr ist als Zierat und ein wenig Symbolik. Das jedoch trifft meines Wissens bisher nur auf einen einzigen Bart zu: auf den lang und länger gedrehten Schnurrbart des Salvador Dali. Dessen Spitzen, gesteht der Meister, sind „Antennen“, auf deren Pflege er stets sehr viel Zeit verwendet hat, weil er mit ihnen „göttliche Informationen“ zu empfangen pflegt.

„Ich bin mir bewußt“, sagt Dali, „daß Gott mir Momentaufnahmen der Wahrheit schickt.“ Deswegen weiß er auch aus erster Quelle, daß Gott „ein Mann von erhabener Schönheit und genau einen Meter groß ist“. Weiß Dali auch, was für einen Bart dieser einen Meter große Gott trägt? „Es ist nicht anzunehmen“, meint Dali, „daß Gott einen radikalsozialistischen Bart hat.“ – Dalis Bart ist mehr als ein Bart. Und das mag manchem Mann Hoffnung geben.

Übrigens glauben viele ZEIT-Leser, daß auch Zweistein und Tratschke Bärte tragen, sehr lange, Ehrfurcht heischende und viel, viel größere als Siebeck (der ja sonst beim feinen Speisen behindert wäre). Das aber ist, im Vertrauen, eine fromme Legende, die eines Tages, wenn sie nur weit genug verbreitet und schon alt und sehr beliebt sein wird, von Prause rücksichtslos in aller Öffentlichkeit ihrer falschen Bärte entkleidet werden wird.