Von Josef Außersdorfer

Bergdörfer, die Luis Trenker einmal als Kulisse dienten, haben in der Regel ausgesorgt; wo der Meister war, blieben seine Jünger, weithin Touristen genannt, nicht aus. So ward auch Sexten, Handlungsstätte für „Berge in Flammen“, höherer alpiner Ruhm beschert – zuerst zwar nur im Sommer, mittlerweile aber auch im Winter. Und nicht zu Unrecht, denn der kleine Ort inmitten der Dolomiten wurde auch von skiberufener Seite ob seiner landschaftlichen Schönheit gelobt: Günther Langes, der 1935 den Riesentorlauf als dritte Disziplin im alpinen Skirennsport kreierte, schwärmte einst: „Ort, Talschaft und Berge von Sexten haben vom Sommer her seit bald hundert Jahren feinen so gegründeten Ruf durch ihren Kranz hochberühmter Dolomitberge ...“, daß man diese Sommerfrische aus der guten, alten Zeit auch Skiläufern nicht eigens vorstellen müßte.

In Sexten war Skilaufen immer auch das Vergnügen, sich von jener „hochberühmten“ Landschaft begeistern zu lassen. Pistenjäger sind hier selten, typischer schon Skiwanderer auf Touren durch das prachtvolle Panorama der hohen Dolomiten.

Das bedeutet indes nicht, daß in Sexten die Welt zum Stillstand gekommen wäre, man ist sehr wohl mit der Zeit gegangen: Das Angebot an Pisten und Pensionen, Hotels und Herbergen kann sich messen mit dem der weitaus renommierteren Skiorte – sowohl in Südtirol als auch in den übrigen Alpen. Anerkennung dafür widerfuhr den Bürgern von Sexten jüngst von „höchster Instanz“: Die Weltvereinigung der Skilehrer wird im Januar 1983 ihren „Interski-Kongreß“ in der Südtiroler Gemeinde ausrichten, Skilehrer aus aller Welt werden dann das Neueste an Wedeltechnik und ähnlichen Disziplinen diskutieren und demonstrieren: Sexten im Zeichen der Bretter, die für Millionen die Welt bedeuten.

Die Kommune mit ihren Ortsteilen St. Veit, Moos, Fischleintal und Kreuzbergpaß zeigt hier und da noch den Charakter eines alten Bauerntales in der Abgeschiedenheit einer unzugänglichen Bergwelt, zum anderen findet der Gast eine sehr moderne und gepflegte Hotellerie und Gastronomie. Vor allem St. Veit, der Hauptsitz des Tales, ist relativ jung. 1915 war der Heimatort des legendären Bergführers und Kriegshelden Sepp Innerkofler von italienischer Artillerie in Brand geschossen worden. Erst um 1922 hatte man den mühsamen Wiederaufbau abgeschlossen. Das brachte dem Ort eine kleine Entschädigung für die Kriegsschäden – zwei architektonische Meisterwerke: Der weltbekannte österreichische Architekt Clemens Holzmeister hat nicht nur das Hotel „Drei Zinnen“, sondern auch den Ortsfriedhof gestaltet.

Zurück zur Gegenwart: Vor zwei Jahren richtete Sexten Lehrgänge für blinde Skiläufer ein, zuerst in der Langlaufspur, im vergangenen Winter schon auf einer leichten Abfahrtsstrecke. Sie erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auch dies zeichnet Sexten aus: Seine Bürger haben für Sonderaufgaben stets ein offenes Ohr, sie versuchen, dem Gast selbst ungewöhnliche Wünsche zu erfüllen. Das mag nach Werbung klingen, die Tatsache aber, daß die Besucher gern wiederkommen, läßt sich statistisch belegen.

Ein weiterer großer Name aus der Ortschronik: Heinrich Harrer war einer der ersten Skilehrer in Sexten und lehrte Schneepflugbogen und Telemark-Ausfallstellung, bevor ihn seine Abenteuerlust in die weite Welt verschlug. Harrers Nachfolger, die heutigen Sextener Skilehrer, werden gemeinhin ob ihrer stoischen Ruhe und Gelassenheit gelobt, mit der sie widerborstigen Anfängern, die im Kampf mit den langen Brettern kaum etwas von der landschaftlichen Schönheit erleben, allmählich doch die Schönheit des Skilaufs vermitteln können.