Die Hellenen sind auf ihre Rolle in der Gemeinschaft kaum vorbereitet

Von Andreas Kohlschütter

Für Regierungschef George Rallis „geht die viele tausend Jahre dauernde Isolierung der griechischen Nation zu Ende“. Der humanistische Gelehrte und ehemalige Präsident der Republik, Konstantin Tsatsos, zeigt sich beglückt über die „Integration Europas in die Wiege des Mittelmeeres“ und über den Ausbruch aus „der Einsamkeit, die wir Griechen mit den Juden gemeinsam haben“. Die kosmopolitische Zeitungsverlegerin Heleni Vlachou spricht von einer Zeitwende: „Zum erstenmal gehört der griechische Einzelgänger, der keine ethnischen, religiösen, sprachlichen Verwandten hat, jetzt zu einer Familie. Wir werden Bestandteil unseres alten Traumes von Europa. Das ist das Entscheidende, die Preise von Gurken, Orangen und Apfelsinen sind Nebensache.“

In Brüssel, am Sitz der Europäischen Kommission, flattert nun als zehnte die griechische Fahne. Zu Füßen der Akropolis werden derweil pathetische Europabekenntnisse abgelegt und marmorne Festreden gehalten, in denen der Geist des Abendlandes lebt, viel von Geschichte, Kultur und epochaler Weichenstellung die Rede ist. Erstaunlich wenig dagegen von harten, die Bevölkerung beschäftigenden ökonomischen Fakten. Konkrete wirtschaftliche und soziale Probleme werden kaum angesprochen. Man gibt sich mit optimistischen allgemeinen Prognosen zufrieden. „Kein Sektor der Wirtschaft wird zu Schaden kommen“, so Premierminister Rallis. Man spielt mit immer neuen Ziffern von nicht wirklich verifizierbaren Riesensummen, die aus EG-Quellen in griechische Taschen fließen sollen. Man setzt den Hellenen „ein Festessen mit goldenen Löffeln vor“, wie Heleni Vlachou kritisch feststellt.

Keine Euphorie

So ließ es auch Staatspräsident und Europapionier Konstantin Karamanlis mit einem vagen Hinweis auf „gewisse Opfer“ bewenden und verhieß seinen Griechen vielmehr „kein gewöhnliches Neujahrsfest, sondern ein großes historisches Ereignis“. Die am 1. Januar in Kraft getretene Vollmitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft werde Griechenland „von der Notwendigkeit befreien, sich nach Beschützern und Tutoren umzusehen“. Denn „Griechenland wird den großen europäischen Staaten gleichgestellt“.

Im Lande will jedoch keine Euphorie aufkommen. „Du bist in der EG – lerne über die EG“, lautet der Titel einer in die abendlichen Fernsehprogramme eingeblendeten Aufklärungskampagne der Regierung. Da wird post factum versucht, die von der Linksopposition geschürten Europaängste zu entkräften: Die Sorgen, daß Bauern auf ihren Ernte-Überschüssen sitzenbleiben, Olivenbäume entwurzelt werden müssen, einheimische Akademiker, Anwälte, Ingenieure, Ärzte durch eine Nord-Süd-Invasion europäischer Konkurrenten brotlos werden. „Leiste gute Arbeit, dann brauchst du die Fremden nicht zu fürchten“, meint der trostspendende Kommentar, und er macht auf schützende Sprachbarrieren sowie auf die Preis- und Einkommensgarantien der EG-Agrarordnung aufmerksam, nicht zuletzt auch auf das griechische Vetorecht als Notbremse gegen unzumutbare EG-Zwänge. Doch Konfusion und Verunsicherung dauern an, das Schwanken zwischen irrationaler Furcht und zaghafter Hoffnung geht weiter. Die erste Umfrage zum EG-Beitritt ergab 38 Prozent Befürworter, 21 Prozent Gegner, 14 Prozent Unentschlossene und Unwissende.