Während neue Terroranschläge Italien in Atem halten, haben weder moralisch-politische Bedenken noch die Verhaftung zweier Redakteure das italienische Nachrichtenmagazin L’Espresso davon abhalten können, ein Interview mit den „Roten Brigaden“ zu veröffentlichen.

Der Text vermittelt Einblick in die Geistesverfassung der Terroristen, die am Silvesterabend den Carabinieri-General Galvaligi ermordet haben und seit bald vier Wochen den römischen Richter d’Urso gefangenhalten. Ohne jede Spur von Logik stellen die Terroristen ihre Aktionen dar. Die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Parteiführers Aldo Moro 1978 bezeichnen sie als überwundene Phase einer „bewaffneten Propaganda die zwar erfolgreich, aber mit falschen „militaristischen Praktiken verbunden gewesen sei. Sie seien „nicht so naiv“ zu glauben, daß es jetzt in Italien eine „Revolutionsbereitschaft bei den Massen gäbe, versichern die „Roten Brigaden um im gleichen Satz zu behaupten, es bestünden „objektive und subjektive Bedingungen für einen entscheidenden Übergang zum Bürgerkrieg“.

Entschieden leugnen die Terror risten, von ausländischen Zentralen gesteuert zu werden, aber sie dementieren nicht, Waffen über die Palästinensische Befreiungsfront zu erhalten. Die Sowjetunion ist für sie kein Leitbild, genausowenig wie die Kommunistische Partei Italiens, die sie unaufhaltsam ins bürgerliche Lager abgleiten sehen. Sie bekennen sich gleichwohl zum Marxismus-Leninismus und auch zu jener chinesischen Kulturrevolution, die inzwischen sogar von den Erben Maos wie ein Alptraum verscheucht wird.

Der verhaftete Journalist Scialoja hatte zu Protokoll gegeben, es sei nicht auszuschließen, daß der Abdruck des Interviews die Lage des entführten Richters d’Urso verbessern, wenn nicht gar seine Freilassung herbeiführen könnte. Doch wie Hohn auf diese Vermutung las sich dann das Kommuniqué Nr. 8 der Terroristen, in dem sie am Anfang der Woche ihr „Todesurteil“ gegen d’Urso verkündet haben; es könne allerdings aus Gründen der politischen Opportunität verschoben, ja aufgehoben werden, wenn „die revolutionären Massenorganisationen in den Gefängnissen“ dies für richtig hielten. Um die Meinung der inhaftierten Terroristen zu erfahren, müsse diesen Zugang zu den Massenmedien verschafft werden.

Die Publikation ihres Interviews scheint die Brigadisten auf den Geschmack gebracht zu haben, Aber auch die von der Regierung Forlani „freiwillig“ verfügte Schließung der Strafanstalt auf der Insel Asinara hat ihnen offenbar den Eindruck vermittelt, es gäbe eine gewisse Nachgiebigkeit. Die Regierungsparteien in Rom sind darüber ziemlich erschrocken; sie spüren, daß sie – wenn auch ungewollt – den Anschein der Erpreßbarkeit erweckt haben. Der christdemokratische Parteichef Piccoli gibt zu, daß der italienische Staat vor dem „schwersten und unannehmbarsten“ aller bisherigen Erpressungsversuche steht.

Indem die Terroristen nicht wie gewöhnlich die Freilassung von Gefangenen verlangen oder, wie in ihrem Interview, die „Schließung aller Gefängnisse“, sondern den Zugang zu den Massenmedien für Strafgefangene, fordern sie scheinbar weniger, doch in Wirklichkeit mehr. Wenn auch jedermann klar ist, daß es sich um eine Farce handelt, wenn Terroristen – noch dazu verurteilte – einen Richter richten wollen, so sind sich doch alle Politiker Italiens darin einig, daß sich der Staat nicht einmal zum Schein auf dergleichen einlassen kann. Nicht zuletzt deshalb, weil die auf eine praktische Anerkennung der „Roten Brigaden“ als quasi-legale Bürgerkriegspartei hinausliefe.

Das Absurde der Lage ist allen Verantwortlichen bewußt, aber auch, daß das Schicksal des Richters d’Urso im Grunde, nur von der Willkür seiner Entführer abhängt.

Hansjakob Stehle (Rom)