ARD, Mittwoch, 31. Dezember: „Und was bleibtFranz Schönhuber im Gespräch mit der Schauspielerin Marianne Hoppe

Vierunddreißig Minuten mit Marianne Hoppe, einer älteren Dame, die durch den bayerischen Schnee stapft, sich dazwischen, sekundenschnell, in alten Filmen präsentiert, um dann wieder am häuslichen Herd nach Klippschul-Manier befragt zu werden: Nein, das ist des Schlechten zuviel, das hat Marianne Hoppe nicht verdient Und der Zuschauer auch nicht.

Was für ein Thema: Theater der ausgehenden Republik, nationalsozialistisches Staatsschauspiel, Neubeginn (wenn’s einer war), Bühne und Kino, Propaganda und Kunst; Die Kronzeugin, Reinhardts Elevin und Gustaf Gründgens’ Gefährtin, zur Verfügung: hellwach in ihrem unsentimentalen Witz, dem gestenreichen Schweigen und dem nuschelnden Frohsinn! Marianne Hoppe: glänzend, wenn sie à part spielen durfte (ganz schnell das noch. Oder ist es zu viel?), überzeugend in Nebensätzen, improvisierten Dialektparodien, mal plattdeutsch, mal österreichisch, kessen Ungeschütztheiten („Berlin – das war ’n Dings“), knapp konkreten Charakteristiken (ein kleines Anekdötchen ... und schon stand Max Reinhardt dem Betrachter am Bildschirm leibhaftig vor Augen mit seiner Kommabesessenheit und seinem Spaß an kunstvoll gegliederten Sätzen) – Marianne Hoppe also stand, den Charme ihrer Vorzüge ausspielend, im heimischen Chiemgau vor der Kamera, aber kein Regisseur hat sie begleitet.

Statt der lenkenden Meister saß ihr ein wahrer Anti-Spielleiter gegenüber im Sessel, ein offenbar aufs Bayerische spezialisierter Herr, der – an wen dabei denkend? – zu Protokoll gab, daß ihm „als Bayern das Wort diszipliniert hängengeblieben sei“, ein abfragendes, abhakendes Individuum, das Sätze äußerte wie „Aber Sie haben auch im Film viele Rollen gespielt“ und alles ungeheuer interessant fand, was Frau Hoppe erlebt hatte... ausgelöscht durch einen einzigen, von Mutterwitz und Selbstironie zeugenden Satz der Gastgeberin: „Wenn ich alte Filme sehe, von mir, dann denk’ ich, was läuft denn da für ’n hübsches Mädel ’rum.“

Man hätte vor Scham wegschauen mögen: „Vielleicht können Sie mal diese Persönlichkeiten charakterisieren?“ (Gemeint waren Fehling, Reinhardt, Falckenberg, Gründgens: als ob das so hopphopp ginge!), und immer geschmunzelt dabei und alles so jovial und so ergeben zugleich, mit Elogen am falschesten Platz – und das im Angesicht einer Kronzeugin, die, richtig und vernünftig und taktvoll befragt, aus ein paar Jahrzehnten Theatergeschichte hätte lebendige Wirklichkeit machen können in aller Naivität, Frische und herzerfrischenden Plappermäuligkeit, der Fontaneschen, die frei von Wehmut und Weinerlichkeit ist.

Die Karten auf den Tisch hätte es heißen müssen, und nicht gespart mit Kritik als Ausdruck von Respekt, ja von Bewunderung. In einem Augenblick, wo Gründgens-Mephisto, wie Klaus Mann ihn sah, wieder, präsent ist, wäre es nützlich und gerecht gewesen, den anderen GG ins Blickfeld zu rücken – und wer wäre, von der Verteidigung in den Gerichtssaal gerufen, dazu geeigneter als Marianne Hoppe? Man hätte sie nur, ihre Stärken kennend und auch die verzeihlichen Schwächen, in der richtigen Weise befragen müssen.

Mein Gott, wäre das eine Sendung geworden, was sich jetzt als Vorgeschmack aufs Kabelfernsehen darbot: Radio Rimsting befragt Prominenz in bajuwarischem Ambiente. Momos