Der Aktionärsvertreter Drexel hatte den Nagel auf den Kopf getroffen: „Das Freischwimmen aus der Verlustzone“, so hatte er im August vergangenen Jahres während der Hauptversammlung Aufsichtsrat und Vorstand der Neckermann AG zugerufen, „will nicht klappen.“ Und er hatte hinzugefügt: „Wo bleibt real endlich was für die alten, treuen Neckermann-Aktionäre?“ Die Antwort gab er selbst: „Immer wieder wird man vertröstet und vertröstet – nichts, nichts, gar nichts.“

Auch die neuen Herren von Neckermann . werden die Treue der alten Aktionäre nicht lohnen. Ein neuer Kapitalschnitt ist unvermeidlich. Längst sind die gesetzlichen Rücklagen aufgezehrt und stehen noch mit einer kläglichen Million Mark zu Buche. Obendrein mußte – nach zunächst zügigem Verlustabbau – für 1980 ein neuer empfindlicher Verlust eingestanden werden, der bei siebzig bis achtzig Millionen Mark liegen soll.

Dabei war der Karstadt-Vorstand, der 1976 nach dramatischen Verhandlungen mit den Neckermann-Hausbanken das angeschlagene Versandhaus übernommen hatte, mit beträchtlicher Zuversicht und Selbstbewußtsein die-Sanierung des Unternehmens angegangen. „Bei der Entscheidung, uns an Neckermann zu beteiligen“, so der Karstadt-Finanzvorstand Walter Deuss vor den Karstadt-Aktionären, „haben wir uns von der Erkenntnis leiten lassen, daß sich dem Versandhandel in der Zukunft ein wachsender Markt eröffnet; Gleiches gilt für die Tochtergesellschaften NUR Neckermann und Reisen und die Neckermann Eigenheim. Daß vor allem der stationäre Bereich Probleme aufweist, ist uns bewußt.“ Aber gerade bei den Neckermann-Warenhäusern und -Verkaufsstellen erwarteten die Karstädter die geringsten Schwierigkeiten, fielen doch diese just in den eigenen unbestrittenen Erfahrungsbereich.

Doch o Jammer: Die nun angefallenen Verluste wurden je zur Hälfte ausgerechnet vom stationären Bereich und der einst so gewinnträchtigen Reisetochter produziert. „Der Karstadt-Vorstand“, so ein Wettbewerber kühl, „hat die Probleme unterschätzt.

Der Warenhauskonzern führt einen Großteil der 34 ehemaligen Neckermann-Warenhäuser in eigener Regie als Vollwarenhäuser oder Spezialhäuser weiter. Andere wurden in Verkaufsstellen für Neckermann umgewandelt. Doch dieses Konzept ging nicht auf. Die weit über hundert Verkaufsstellen, in denen die Versandhandelskundschaft sich über technische Anschaffungen informieren, Bestellungen abgeben und Serviceleistungen ordern konnte, erwiesen sich als pure Verlustbringer. Mit Ausstellungs- und Verkaufsflächen zwischen 700 und 800 Quadratmeter, manchmal noch darüber, verursachen sie zu hohe Mietkosten. Zwar wurde die Zahl inzwischen auf etwa achtzig Verkaufsstellen verringert, dennoch entstand 1980 die Hälfte der Verluste in diesem Bereich.

Die Manager der Reisetochter NUR mußten jüngst Fehleinschätzung des Marktes und eigene Fehlleistungen eingestehen – Fehler, die auf das Konto von Karstadt gehen, wie bei der Konkurrenz geurteilt wird. Zu abrupt war in den letzten Jahren das Ruder hin- und hergeworfen worden. Zwar konnte keiner der großen Reiseveranstalter das vergangene Touristikjahr mit einem deutlichen Zugewinn abschließen. Doch besonders gebeutelt wurden die Flugreiseveranstalter, die die teuren Spritpreise weitergeben mußten – und gerade auf diesem Gebiet ist Neckermann traditionell stark. Das gleiche gilt für das teuer und politisch unsicher gewordene Spanien. Vor allem aber war 1979 dem einstigen „Billig-Anbieter“ der Fehler unterlaufen, die Preise viel stärker anzuheben als die Konkurrenz. Die Kundschaft wanderte ab. 110 000 Buchungen blieben im Vergleich zum Vorjahr aus – der Absatz sackte um fast zehn Prozent. Damit geriet 1980 auch die stolze Reisetochter, die im Jahr zuvor noch mit zehn Millionen Mark Gewinn den gesamten Neckermann-Verlust auf 26 Millionen verkleinert hatte, in die roten Zahlen.

Und selbst beim immer wieder hochgelobten Versandhandel, wo laut Neckermann-Vorstand Werner Piotrowski „das Sanierungsziel erreicht“ ist, möchte die Konkurrenz Fragezeichen anbringen. Weder sei es gelungen, neue Neckermann-Kunden zu binden, noch die alten zu halten. Gunhild Freese