Ein „Grüner“ vor der Zeit: Friedrich Georg Jüngers Wiederentdeckung

Von Joachim Günther

Wenn ein Schriftsteller, der seine Zeit gehabt hat, wieder aufgelegt und sogar in besonders schönen Ausgaben herausgebracht wird, kann es verschiedene Gründe haben. Einer ist der Tod selber. Er wirkt sich aus, wenn die Lebenszeit einem Autor durch was auch immer Entscheidendes schuldig geblieben ist (der Fall bei großen Teilen der deutschen Emigrantenliteratur). Ein anderer Grund kann immer noch hinreichende Wirkung sein, die dann oft nach dem Tode zu Gesamt- oder Gesammelten Ausgaben führt (auch hier liegen Beispiele auf der Hand, Hermann Hesse vielleicht das bedeutsamste). Schließlich aber ist Auferstehung der Toten auch im Geisterreich eine nicht seltene Erscheinung.

Für all diese Kategorien will die erstaunliche Wiederbelebung, wie sie zur Zeit mit Friedrich Georg Jünger im Gange ist, nicht recht zutreffen. Friedrich Georg Jünger hat nie zu den Erfolgsschriftstellern gehört, zumal nicht als Erzähler, eher noch als Essayist mit dem eine Zeitlang viel diskutierten Buch von der Perfektion der Technik, dessen Warnungen und Prophezeiungen inzwischen um hundertachtzig Grad von ihren Ausgangspositionen zu den „Grünen“ hin weitergewandert sind.

Was der Klett-Cotta Verlag mit Friedrich Georg Jünger zur Zeit macht, knüpft aber an solche Reaktualisierungen – man kann wohl nur sagen: zum Glück – in gar keiner Weise an. Friedrich Georg Jünger, der im Gegensatz zu seinem berühmteren Bruder Ernst im Leben kein Klett-Autor war, ist inzwischen (auch mit der von ihm begründeten Zeitschrift Scheidewege) ins große Klett-Cotta-Reich gleichsam wie in eine durch den Bruder vorbereitete verlegerische Heimstatt eingekehrt. Zusammen mit den Neuausgaben der Werke Ernst Jüngers beginnt bei Klett-Cotta eine zwar zunächst nicht ausdrücklich als „Werke“ deklarierte Neuausgabe Friedrich Georg Jüngers, die bisher drei Bände „Erzählungen“ (1, 2, 3), den Roman „Der erste Gang“, das autobiographische Erinnerungswerk „Grüne Zweige“ und – auch in der Aufmachung – etwas abseits vom Hauptheer den an Umfang alles übertreffenden Nachlaßroman „Heinrich March“ umfaßt. Da es sich nur bei diesem Werk um etwas Neues von Jünger handelt, empfiehlt es sich, ihm eine erste etwas ausführlichere Erörterung zu widmen.

Niemand außer den Eingeweihten hat gewußt, daß es im Nachlaß des vor vier Jahren, am 20. Juli 77 – signifikantes Datum! – gestorbenen Autors einen solchen Brocken an Erzählung geben würde. Das Buch ist sicherlich nicht im letzten Sinn veröffentlichungsfertig gewesen, obwohl es in seiner Publikation so auftritt; es ist aber, ob nun Fragment, erste Niederschrift oder sonst etwas nur vom Tod Vollendetes, das umfangreichste Erzählwerk, das Friedrich Georg Jünger überhaupt geschrieben hat. Die Tatsache, daß es auch sein letztes-ist, – wenn dies eine Tatsache ist auchdarüber gibt; die Publikation nichts Genaueres preis –, weist, wenn auf sonst nichts, dann bestimmt darauf hin, wie ungebrochen und vital die produktive Kraft des bald Achtzigjährigen gewesen sein muß.

Einer Erzählung, schwebend in der Mitte von Roman und Autobiographie, wie sie sonst in Jüngers Werk deutlich voneinander unterschieden werden. Roman deshalb, weil alle Personen, örtlichkeiten, Ereignisse soweit verfremdet sind, daß man Spuren von ihnen in anderen Erzählungen oder in den „Erinnerungsbüchern“ (bisher ist hiervon nur „Grüne Zweige“ aus den Berliner Jahren Jüngers erschienen) schwer ausmachen könnte.