Düsseldorf: Bernard Schultze „Im Labyrinth“

Irgendwann beim Gang durch Bernard Schultzes Labyrinth fühle ich mich beobachtet, ertappt. Von der Empore des großen Oberlichtsaales der Kunsthalle sehen einige Besucher auf die im Raum stehenden Migof-Skulpturen. Schutz suchend ziehe ich mich hinter eine der freistehenden fragilen Figuren zurück und fühle mich in Sicherheit, entzogen nicht nur dem Blick der Beobachter. Suche nach Schutz und Sicherheit: Bernard Schultzes schutzlose, verletzte, deformierte, zerstörte Migof-Wesen wecken sie immer wieder – so auch in der umfassenden Retrospektive, die mehr als zweihundert Arbeiten aus den Jahren 1940 bis 1980 versammelt. Skulpturen, Gemälde, riesige Zeichnungen, Gouachen, Collagen, Reliefs, Einzelfiguren und Figurengruppen dokumentieren die konsequente Entwicklung des 1915 geborenen Künstlers, der zu den wichtigsten Vertretern des Informel zählt und Mitte der sechziger Jahre die ersten Migofs, von ihm erfundene seltsame Phantasiewesen, schuf. Entwicklungsgeschichte und Werdegang der Migof-Gruppen sind in der Ausstellung nachzuvollziehen: angefangen bei der Loslösung der Farbe aus dem bildmäßigen Zusammenhang, ihre Verselbständigung zum Relief bis hin zu den eigenständigen Farbplastiken, aus denen sich schließlich die freistehenden Figuren entwickelten. „Das Werk von Bernard Schultze gehört zu den selbstverständlichen, bekannten Größen in der deutschen Kunstszene“, vermerken die Ausstellungsveranstalter im Katalogvorwort – ohne zu verbergen, daß die bekannte Größe noch immer viele Unbekannte enthält, keineswegs in eine bestimmte Schublade zu pressen ist, die Arbeiten eindeutiger Fixierung und Einordnung entzogen sind. Im Labyrinth der vielschichtigen Bildwelt bleibt als Konstante vor allem eines: eine Haltung, die Schultze im Titel eines großen Environments als „Inneren Monolog – Ein Leben lang“ umschreibt. Seine Arbeiten sind Spiegel dieses Monologs, Spiegel und zugleich Aufforderung, einzutreten in diesen Monolog, sich durchs Dickicht der Verdrängungen zu schlagen, durch dunkle Wälder und Märchengärten, Wunden und Ängste, Träume, Gesichte und Realitätspartikel, sich einzulassen auf irritierende Erfahrungen und merkwürdige Begegnungen: zum Beispiel mit den in Migof-Wesen verwandelten Mannequin-Puppen, die zerstört, zerfallen, verletzt, mit abgehauenen Gliedern, offenen Wunden schutzlos im Raum stehen. (Kunsthalle bis 11. Januar, anschließend Berlin, Frankfurt, Saarbrücken, Katalog 20 Mark) Raimund Hoghe

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Georg Muche – Bauhauszeit 1913 bis 1927“ (Bauhaus-Archiv bis 12. Januar, Katalog 25 Mark)

Berlin: „Arnulf Rainer“ (National-Galerie bis 1. Februar, Katalog 25 Mark)

Berlin (Ost): „Karl-Friedrich Schinkel – 1781 bis 1841“ (Altes Museum bis 29. März)

Frankfurt: „Robert Rauschenberg – Werke 1950 bis 1980“ (Städelsches Kunstinstitut bis 18. Januar, Katalog 25 Mark)