Niemand ist liebenswürdiger. In diesem Jahr ging er in sein zehntes Trinkerjahr ... In einem Bergnest im Osten Siziliens traf ich ihn vor sechs Jahren auf dem Friedhof. Es war ein heißer Tag, und die Sonne entlockte seiner Haut unentwegt feuchte Perlen, die nach Alkohol rochen.

Er hatte keinen Photoapparat. Tagelang schon war er gekommen, um den steinernen Engel anzuschauen, der, schöner und weißer als seine Engelskollegen, ein properes Vorgärtchen bewachte, an dessen Ende eine Art Zwergkirchturm die Särge einer ganzen Sippe bedeckte.

Er wollte sich ein Bild machen von dem Engel, weil er keinen Apparat besaß. So kam er alle Tage. Ein Bild für zu Hause, für Deutschland, wo er in Untermiete wohnte, seit seine Frau ihn verlassen hatte. Es kann ein Glück sein, Beamter und unkündbar zu sein. Ihm ist über die Jahre hinweg seine Arbeitsstelle treu geblieben. Andere Faktoren erwiesener Treue vermochte er nie zu nennen.

Vor dem Engel saß er, der in der Morgensonne wie zugeschneit aussah, und hob eine hellgrüne Flasche an den Mund und trank und ließ mich trinken. Ich fand den Wein sauer und lehnte beim zweiten Mal ab. Damals war er noch nicht mein Freund. Später vermied ich solche Fehler, weil seine Verletzlichkeit schon gegenüber den „richtigen“ Handlungen allzu groß war.

Ich stellte meinen Apparat ein, veränderte meine Lage, sparte die ewigen Pinien aus, kniete schließlich vor dem Engel und sah, daß er schön war, der Engel des Trinkers. Ich fragte ihn nach seiner Adresse. Es stellte sich heraus, daß wir fast nur einen Steinwurf weit voneinander in Deutschland lebten.

Wochen später brachte ich ihm die Bilder. Seine Behausung war arm. Das Zimmer eines Mönchs. Aus dem Diwan hingen die Sprungfedern bis zum Boden hinunter. Leere Flaschen unter dem Tisch. Von dem Stuhl, auf den ich mich setzen sollte, hob er den Wintermantel. Es war mitten im Sommer. Alles roch nach Alkohol. Er roch nach Alkohol, keine bestimmte Stelle. Vielleicht der Pullover, der grün war und die Knie fast bedeckte. Er war so sanft wie eine Raupe. Eine jener großen grünen mit den weißen und violetten Tupfen, die wir als Kinder in den Ligusterhecken fanden und in weiße Schuhkartons sperrten.

Eine armselige Lampe. Keine Tapete. Ein Plakat aus den sechziger Jahren. Hier lebst du, sagte ich. Es war verkehrt. Es gab ja keinen Zweifel, daß er hier lebte. Er schwieg aufgebracht.