Warum ist der Jahreswechsel doch, alles in allem, friedlicher verlaufen, als wir befürchten mußten? Warum haben wir uns alle mehr lieb gehabt als sonst um diese Zeit und können nun gefaßter dem neuen Jahr entgegensehen, auch wenn es nun endgültig die vom Ex-Kanzlerkandidaten angedrohte „Stunde der Wahrheit“ bringt, wir den Gürtel enger schnallen und die Regierenden die Hosen fallen lassen müssen?

Das verdanken wir nur dem R. W. Faßbinder und seinem „Berlin Alexanderplatz“, dem Thema Nr. 1 während der Festtage.

In diesen 13 Monaten, nein Wochen, kannten wir Deutschen keine Parteien mehr, gab es keine Klassen mehr, wurden wir allmählich ein einig Volk von Brüdern (und Schwestern), und sind uns menschlich so weit nähergekommen, daß man fast von einer Wiedervereinigung der ganzen Deutschen Nation sprechen kann.

Eben malen noch Lambsdorff und Vetter die Wirtschafts-Aussichten in den düstersten Farben, da kommen sie auf die Beleuchtung bei Faßbinder zu sprechen, und schon sehen sie alles in einem anderen Licht. Dazu stößt nun Matthöfer und findet, die damalige Krisensituation sei völlig falsch gesehen, und alle drei sind sich auf einmal wunderbar einig. Auch CDU und FDP finden zu einer neuen Gemeinsamkeit, weil beide finden, so eine Serie wäre beim privaten TV eben nicht passiert, was ja auch stimmt.

Faßbinders Serie war ein Beitrag zur Versöhnung. Zwischen verbissen schweigenden Linken und Rechten sitzend, brauchten wir nur das Reizwort „Faßbinder“ in den Raum zu werfen, schon fielen sie gemeinsam über ihn her und sich dabei in die Arme. Uns ist auch von Gastarbeitern – selbst Türken! – berichtet worden, die in Kneipen nur „Alexanderplatz – nix gutt!“ rufen mußten, und daraufhin ganz menschlich behandelt wurden. Aber erst die Wirkung im privaten Bereich!

Drohten die sonst üblichen ehelichen Auseinandersetzungen und schien es ihr, als sei von seiner Seite mit handgreiflicher Gewalt zu rechnen, brauchte sie ihm nur „Biederkopf, Biedenkopf entgegenzuschleudern – schon bat er sie unter Tränen um Verzeihung.

Frauen, die sich von ihren Männern ausgenutzt fühlen, konnten Ihnen das feierliche Versprechen abringen, sie nie mehr wie eine Mieze zu behandeln. Ja, selbst Paare, die gerade im Begriff waren, sich wegen mangelnder Liebe gegenseitig den Laufpaß zu geben, faßten, angeekelt vom brutalen Sex auf dem Bildschirm, den Entschluß, der zärtlichen Liebe eine letzte Chance zu geben.

So hatte das Fernseh-Experiment auch ein Gutes, indem es nämlich unseren Haß auf seinen Schöpfer konzentrierte, machte es uns frei für die Liebe zu unseren Mitmenschen. Darum sollte der WDR erwägen, uns im nächsten Winter wieder eine Serie zu bescheren – und natürlich wieder von unserem R. W. Faßbinder!