Von Horst Bieber

Vor einigen Jahren fragte eine Filmzeitschrift Horst Stern, wie er seine Fernsehfilme mache, und die Antwort lautete: "Bei mir geht die Tierliebe durch den Kopf." In der Nullnummer seiner eigenen Zeitschrift Natur, die von Mai 1981 an regelmäßig erscheinen soll, schreibt er: "Es darf gedacht werden."

Und denen, die an diesem Punkt nicht erschrocken innehalten, erläutert er: "Ich bin sicher: Es wird.sich in unserem parasitären Umgang mit der Natur nur dann etwas ändern..., wenn der rational gefaßte, argumentativ bewie- sene Gedanke politisch mehrheitsfähig geworden ist, daß wir Menschen im Kreis der pflanzlichen und tierischen Gestalten nicht grundsätzlich anders, sondern nur grundsätzlich andersartig sind: daß unser Verwandtschaftsgefälle hinunter zu einer Kolibakterie beweisbar kürzer ist als das hinauf zu einem Gott, für dessen Ebenbild wir uns halten. Wir sind als Art biologisch unentrinnbar ein Teil der Natur – lebend an ihr Leben, leidend an ihr Leiden, sterbend an ihr Sterben gebunden."

Doch wer Natur- und Tierschutz fordert und zugleich an den Verstand appelliert, gerät zwangsläufig zwischen alle Fronten. Horst Stern weiß, daß er zwischen den Fronten steht, "aber da will ich nicht weg". Und: "Ich will mich lieber zurückziehen als blind Partei ergreifen." Und: "Ich kann nur argumentativ, nicht ideologisch arbeiten."

Doch Kraft kostet es, sich gegen die Einvernahme zu wehren, Energie, die viel eher auf die Sache verwendet werden sollte. Stern, heute 58 Jahre alt, gibt zu, daß die "Schritte immer kleiner werden", daß er manchmal träumt, "auf der Stelle zu stehen und mich nicht bewegen zu können".

"Da kommen einem manchmal schon schwarze Gedanken" oder Ideen, einfach ein Boot zu nehmen und loszusegeln. Aber aufgeben? Das wäre emotionsbestimmte Flucht, die er nicht weniger verachtet als Unwissenheit, und dies sagend, kalkuliert der Journalist Stern, ob der mitschreibende Journalist dies nicht als Fanatismus mißversteht, wo die moralische Pflicht gemeint ist, für das einzustehen, was man als richtig und notwendig erkannt hat.

Mißverständnisse ist er freilich gewöhnt. 25 Fernsehfilme hat er seit 1970 gedreht, als "Tierfilme" bezeichnet er sie kurz, für "Sterns. Stunde", und 25mal hat er dabei Publikum und Politiker, Jäger und Bauern, Förster und Falkner, Lobbyisten und Laien gegen den Strich gebürstet. Es waren sachliche Filme, präzis im Detail, von schmuckloser Genauigkeit, Sternstunden einer Naturschilderung, die Tiere von verkitschender Sentimentalität freistellt. Bambi als gequälte Kreatur, das Turnier-Springpferd als Opfer eines Sports, der es zu widernatürlichen Handlungen zwingt – die Aufschreie ließen nicht auf sich warten. Die heiligsten Güter einer tierliebenden Nation schienen bedroht.