Von François Bondy

Seit bald zweihundert Jahren steht in Frankreich die Geschichte und die Legende der Französischen Revolution im Mittelpunkt der politischen und ideologischen Diskussion. Der Streit, der erst um eine „Geschichte der Revolution“ von François Füret und Denis Richet und später, weit heftiger, um Furets begriffliche Deutung dieser Revolution, ihres Bildes von sich selbst, der Vorstellung, die die französischen Historiker von ihr haben, entbrannt ist, bestätigt, wie dieses Bild ein Prüfstein blieb, wie sehr jenes Frankreich, das noch immer an der Dreyfuss-Affäre kaut, das immer noch um die Deutung des Vichyregimes streitet, in viel tieferem Sinn um die Große Revolution kreist und gespalten ist zwischen Verteidigung und Kritik, zwischen der Pflicht, sie revolutionär fortzusetzen und der Bewahrung ihrer Errungenschaften.

Von Michelet bis Jaurès als Heilsgeschichte, von Hippolyte Taine als Unheilsgeschichte dargestellt, von Alexis de Tocqueville im Zeichen der jahrhundertelangen Kontinuität von Gleichmacherei und Zentralisierung gedeutet, von Historikern der Rechten als Verschwörung der Freimaurer denunziert, bleibt diese Zeitspanne aktuell. Die Erfahrungen, die Parteinahmen der Historiker in den Fragen ihrer Gegenwart haben jeweils ihr Bild jener Epoche mitbestimmt. Umgekehrt hat aber auch eine bestimmte Vorstellung des Jakobinismus – eine Intellektuellenschicht erklärt sich als „das Volk“, erzwingt Einstimmigkeit, säubert Feinde und Verräter rechts und links – das französische Verständnis des Bolschewismus geprägt.

Der große, dem Jakobinismus huldigende Historiker Mathiez hat noch die Säuberungen und Schauprozesse Stalins gutgeheißen, weil sie ihn an Röbespierres Kampf gegen die Bestochenen und Extremisten erinnerte. Zur Faszination, die die Sowjetunion auf französische Intellektuelle ausgeübt hat, gehört dieses Bild von der Französischen Revolution, in dem die Schreckensherrschaft als ihr Höhepunkt gilt; daher wurde bestaunt, daß die russische Revolution keine reaktionären „Thermidor“ erlitten hat. In einer Studie über die in Mittelschulen verwendeten Geschichtsbücher hat Füret unlängst gezeigt, wie behutsam jeweils zwischen den „guten“ und den „gefährlichen“ Seiten der Revolution abgewogen wurde.

In der Neubewertung des Thermidor und des Direktoriums lag in erster Linie die originelle Leistung der Geschichte der Revolution von François Füret und Denis Richet. Zuerst 1968 in deutscher Übertragung erschienen, ist sie jetzt neu verlegt worden:

François Furet/Denis Richet: „Die französische Revolution“; C. H. Beck Verlag, München 1980; 664 S., 39,– DM.

Weit über dieses Buch geht ein Essay Furets hinaus, der jetzt in der Reihe Ullstein-Materialien erschienen ist. Er richtet sein Interesse vor allem auf die Begriffe und die „Fantasmen“, die sich mit der Revolution und ihrer Deutung verbinden, und stellt insofern weniger eine Verteidigung der Revolutions-Geschichte von Füret und Richet dar als einen anregenden Versuch, sie weiterzudenken: