Von Werner Conze

Klio, die Muse der Geschichte, auf der Erdkugel thronend, Symbol erdumspannender, wahrhaft friedfertig ausschauender Historie – so war sie in zahllosen Plakaten und Programmheften zu sehen, als sich vor vier Monaten internationale Historiker für eine Woche in der rumänischen Hauptstadt versammelten. Dies Sinnbild erschien auf den ersten Blick als eine Beschönigung der Wirklichkeit. Doch ist es tatsächlich nicht so weit entfernt von der Idee und auch der Wirklichkeit von bisher fünfzehn geschichtswissenschaftlichen Weltversammlungen, die meist eine völkerverbindende, friedenspolitische Grundrichtung zur Schau getragen haben.

Seit 1898 gibt es internationale Kongresse der Historiker (vorwiegend aus den Universitäten). Da die Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert überall in hohem Maße nationalpolitisch gerichtet und eingeengt war, ist mit dem Gedanken, Historiker der damals wissenschaftlich führenden Nationen international zusamenzuführen und ihre Zusammenkünfte zu institutionalisieren, nicht nur ein wissenschaftliches Bedürfnis befriedigt, sondern auch ein politischer Wille zum Ausdruck gebracht worden. Die international geeinte Historikerschaft sollte damals, in einer Zeit, die durch nationale Antagonismen und den Imperialismus der großen Mächte bestimmt war, im Dienste, der Völkerverständigung und des Weltfriedens stehen.

Zweimal wurde die von Henri Pirenne 1923 so genannte „Internationale der Historiker“ durch die beiden Weltkriege schwer gestört und unterbrochen. Beide Male wurde jedoch die Tradition der internationalen Kongresse im Geiste ihrer Gründer wieder aufgenommen: 1923 in Brüssel, noch unter Ausschluß der Deutschen, 1950 in Paris, bereits mit Beteiligung einer deutschen Historikergruppe. Seitdem haben in fünfjähriger Folge Kongresse in Rom, Stockholm, Wien, Moskau, San Francisco und schließlich heuer in Bukarest – hier mit gut 2700 Teilnehmern aus rund 70 Ländern – stattgefunden.

Der seit dem Kongreß von Rom 1955 vorherrschende Gegensatz zwischen „West“ und „Ost“ scheint an Gewicht abzunehmen gegenüber neuen Tendenzen der Vervielfältigung politischer Interessen und ideologisch-wissenschaftspolitischer Kontroversen. Anzeichen dessen sind die Anträge lateinamerikanischer, afrikanischer, arabischer und ostasiatischer Länder, besonders Chinas, zur Aufnahme in das Internationale Komitee. Erstmals wurden in Bukarest auch Kommissionssitzungen arabischer und afrikanischer Historiker-Assoziationen abgehalten.

Diese Tendenz eines neuen, den weltpolitischen Dualismus ablösenden Polyzentrismus wurde auch durch den Stil und die Selbstdarstellung der gastgebenden Sozialistischen Republik Rumänien unterstrichen. Die Rumänen bemühten sich, als nationale Individualität von 2050jähriger Dauer seit dem Dakerfürsten Burebista, somit als kulturschöpferische Nation unter anderen Nationen hohen Ranges in Erscheinung zu treten und dabei die sozialistisch-kapitalistische Dichotomie in den Hintergrund treten zu lassen. Auch abgesehen vom rumänischen Beispiel war die Betonung einer national oder nationalistisch bestimmten Historie vielfältig spürbar. Sie dürfte in nächster Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen und geeignet sein, gewohnte ideologische Horizontalen vertikal zu durchschneiden.

Polemischer Schlagabtausch