Von Christoph Meckel

Volker von Törne ist am 30. Dezember gestorben, nach mehreren Schlaganfällen, in Münster/Westfalen. Er war 46 Jahre alt.

Dies ist kein Nachruf auf den gestorbenen Freund, es ist ein erster Versuch, ihn festzuhalten. Es ist die Weigerung, ihn abzumelden, ihn preiszugeben an das bloße Erinnern. Ihn verschwinden zu sehen in der Zeitgeschichte, in Gleichmut, Anthologie, Anekdote, Zitat. Es ist der Anfang weiterer Fragen an ihn und ein Vorwort zur neuen Form seiner Anwesenheit – ein Anspruch, den jeder lebendige Tote erhebt.

Er kam nach Berlin zu Beginn der sechziger Jahre, mit verstreuten Versen und hungrig nach Sympathie. Unruhig, weichherzig, unzufrieden, zweifelnd an sich selbst und der deutschen Geschichte. Rebellisch gegen die deutsche Restauration, sein pauschaler Protest verschärfte sich gegen sie. Er kam mit gutem Gedächtnis und verletztem Gewissen und machte authentische deutsche Verse daraus, schwärmend für Sozialismus und Poesie (Waldemar Graf Windei: sein Pseudonym). Weltkrieg, Nachkrieg und fette Restauration, die nicht abgetragene Schuld war sein Lebensgefühl. Sie betraf nicht ihn und seine Generation, er verstand die Misere als Arbeit für sich selbst: Antwort geben auf die Vergangenheit. Zweifellos ist es richtig zu behaupten, daß er ihr lebend und schreibend ein Ende machte; als Gastfreund, Autor und linker Protestant, als parteiloser Sozialist und in seinem Beruf. Was andere diskutierten, das hat er gemacht: sein Haus, seine Verse sind ein Beispiel dafür, wie deutsches Trauma lebendig bewältigt wird. Er war im europäischen Osten zu Haus, durch Überzeugung, Interesse und Mentalität, in der russischen, polnischen, jüdischen Gegenwart, durch unzählige Freundschaften gleichsam befestigt dort, durch Kenntnis der Klassiker und der Literatur, durch Bejahung menschlichen Lebens in allen Formen, durch schwärmerische Liebe zur Poesie, vor allen Dingen durch menschliches Talent.

Dieses menschliche Talent – es scheint mir notwendig zu sagen, daß er mit allen Schwächen ein guter Mensch war. „Ein guter Mensch sein, ja wer war’s nicht gern“ – die schlagende Zeile von Brecht wurde häufig zitiert. Die Bezeichnung „ein guter Mensch“ provoziert den Spötter, ein Grund zu Skepsis und Belustigung – verständlich im Humanitätsgeschnatter des Westens. Ich bezeuge für Volker von Törne und seine verwundbaren Augen: Es war keine Absicht und keine Mühe für ihn. Und mehr als Ästhetik, Satzbau und Fragen des Handwerks war menschliches Talent die Voraussetzung seiner Verse.

Er begann zu schreiben in den fünfziger Jahren, in der Nachwirkung Brechts, überwältigt von seinen Formen. Er wiederholte und variierte sie-und baute aus ihnen sein lyrisches Instrument, die Klaviatur deslinken Moralisten, mit ergreifend verrutschten Geigentönen von Wehmut, mit Katzenjammergeschrei des gekränkten Barden, mit aphoristisch pointierten Sentenzen. Von Brecht kam die Technik der gebrochenen Zeile und des listigen Liedchens, in dem die Wahrheit schreit. Er war ein versierter Verseschmied, ein Klappermeister von Reimen (und wer macht ihm das nach?), ein Liedermacher mit Schärfe, Charme und Geschick. Er wurde vertont und ging in die Schulbücher ein. Die Wirkung der knappen Verse war riesengroß.

Seine Liebe zur Lyrik war überwältigend und spürbar noch, wenn er dicke Parolen kaute. Ich sagte ihm: Du kaust zu dicke Parolen, und er sagte mir: Dir fehlen die dicken Parolen. Der Widerspruch von Parole und Poesie, von direkter Parteiergreifung und reiner Musik machte ihm, wie den meisten, gewaltig zu schaffen. Er war oft leidend allein in dem Widerspruch, er verlor sich in ihm, das war seine Ehrlichkeit. Es wird in Zukunft die Chance seiner Verse sein. Wir sprachen über Tolstoi und was er sagte: Wenn etwas ehrlich ist in deinem Satz, wird dein Satz überleben und wirksam sein. Nächtelang, jahrelang sprachen wir Utopie. Er hat sie von sich selbst und der Zukunft verlangt und manchmal erschöpft vergraben in Häuslichkeit.

Dies ist ein Vorwort für sein Weiterleben. Ich denke an Flußversickerungen – das Wasser bleibt weg und kommt an anderer Stelle wieder vor. Das ist die berechtigte Hoffnung der Poeten. Der alte Satz, kein Wort sei verloren, ist durch Zerstörungen, aller Art widerlegte Aber, wer, weiß, die Kraft des Stehaufmännchens könnte die Stärke-seiner Verse sein. Man muß es drücken, damit es unten bleibt. Loslassen darf man nicht, es springt sonst hoch. Nun kann man nicht immer drücken, das lehrt die Geschichte. Der Gegendruck ist da, der lebendige Sprung, die gerechte Federung der Poesie. Das mag die Chance seiner besten Verse sein. Ein Zipfel Utopie, er hielt daran fest.