So gut hatten es die Nordlichter noch nie. Seit Beginn des neuen Jahres können Radiobesitzer beispielsweise im Großraum Hamburg an Werktagen in den Zeiten von 6.10 bis 12.00, 17.05 bis 18.00 und 19.20 bis 20.15 Uhr ohne größeren Antennenaufwand zwischen sage und schreibe sieben bundesdeutschen ARD-Hörfunkprogrammen, meist in Stereophonie, wählen. Vier davon entstanden jetzt als eine von vermutlich noch zahlreichen notwendigen wählen. quenzen des am 1. Januar in Kraft getretenen neuen Staats Vertrages über den Norddeutschen Rundfunk (NDR).

Dieser Vertrag verdonnerte den NDR zu einer Chamäleonrolle: Einerseits soll und kann er seinen Charakter einer Drei-Länder-Anstalt wahren, andererseits wird er verpflichtet, Funkhäuser in Hamburg, Hannover und Kiel zu unterhalten, in denen „Länderprogramme“ zu „gestalten“ sind. Daß Senderfrequenzen nur beschränkt verfügbar waren, verursachte monatelange Rangeleien um Wellenverteilung und Programmstrukturen. Nun hat der Berg gekreißt – und wieder einmal nur Mäuslein geboren, die teilweise nicht einmal richtig piepsen können.

Die für das Zusammenschalten und Wieder-Trennen der Funkhäuser in Hamburg, Hannover, Kiel und Köln notwendigen technischen Manipulationen dürften einen mittelgroßen Computer ganz schön beschäftigen (teils gibt es ein gemeinsames, teils vier verschiedene „Erste“ Programme): Um 5.55 trennen sich NDR „Erste“ I vom ARD-Frühprogramm, NDR II bleibt noch fünf Minuten länger – die Abblende ging bislang nie sauber aus. Eine Viertelstunde später trennen sich die drei Länderanstalten voneinander und vom Kölner Partner, um 6.55 sind sie wieder zusammen, um 7.20 wieder getrennt, 7.55 zusammen, 8.15 auseinander, 8.55 zusammen. Um 9.00 kommen sogar NDR II und NDR III für die Nachrichten dazu, 9.05 ist wieder jeder für sich. Um 10.00 bleiben Köln I und Hamburg I allein zusammen. Hannover und Kiel schalten sich für fünf Minuten mit NDR II zusammen, spielen dann wieder separat – und so weiter.

Paragraph 8 des Staatsvertrages bestimmt: „Die Länderprogramme für Funkhäuser sollen insbesondere das öffentliche Geschehen, die politischen Ereignisse sowie das kulturelle Leben in den Ländern darstellen.“ Am vergangenen Montag fand etwa das Funkhaus Kiel an öffentlichem Geschehen oder gar kulturellem Leben für berichtenswert (in den ersten vier Stunden des Länderprogramms): Vier Minuten Landfunk mit dem PR-Bericht über Schleswig-Holsteins Selbstdarstellung auf der nächsten Grünen Woche in Berlin, zwei Minuten Veranstaltungskalender („Lübeck: Vortrag über ‚Das öffentliche Grün in Lübeck aktuell‘“), zwölf Minuten „Heute in Schleswig-Holstein“.

Nicht viel mehr muß in Niedersachsen passiert sein: vier Minuten Informationen für die Landwirtschaft – Marktchancen von Brotgetreide und Schlachtgeflügel; Dreißig-Sekunden-Meldungen über Berlin-Verkehr und die Züchtung einer energiesparenden Tomate, über das Wetter in Kanada und das Ende der Betriebsferien bei VW, Brände, Verkehrstote, Tierschutz, Theaterspielpläne, zehn Minuten Regionalmeldungen.

Provinzialismus also, wie er vom Kreisanzeiger nicht schlimmer vorgeführt werden kann; Moderationen, für die kein Kalauer zu trist war; Sekundenjournalismus, der Triviales noch so gut zerkleinert, daß es als Brei konsumiert werden kann. Und dazu ein Musikprogramm zwischen Abba und den Beatles, Folklore aus Irland und dem „Weißen Rössl“ – anspruchsloser geht’s auch hier nicht mehr.

Was sich die Politiker in Hannover und Kiel von ihren neuen Landesprogrammen erhofften, erhielten sie gleich in den ersten „Abendjournalen“ noch am zweiten Januar: In langen Pseudo-Interviews durften Albrecht und Stoltenberg sich und ihre Politik darstellen, und auch die Opposition erhielt prompt Gelegenheit zur Wiederherstellung der Ausgewogenheit binnen 55 Minuten.

Wie sagte doch der Kieler Regierungschef in seinem Landesprogramm-Rückblick auf die Parteiarbeit der CDU 1980: „Aus den Fehlern gilt es zu lernen.“ Für die Länderprogramme ist dem nichts hinzuzufügen. Heinz Josef Herbort